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Nov01

35 Jahre «Licht und Schatten»: Die Sehnsucht der Veronika Voss

Rosel Zech ist Veronika Voss – in Rainer Werner Fassbinders letztem Kinofilm, der Ende 1981 in wenigen Wochen Drehzeit entsteht. Die schwarzweisse Reminiszenz an den Stil der Vorkriegsfilme gewinnt auf der Berlinale den Goldenen Bären.

Text Antje Hentschel

Der desinfektionsmittelgetränkte Wattebausch bereitet ihren Arm auf die Injektion vor. Die Erlösung ist nur einen Augenblick entfernt. Während das verabreichte Morphium sich ihrer bemächtigt, weicht die Hölle dem Himmel. Der Preis für die Befreiung von den körperlichen und seelischen Qualen ist hoch. Veronika Voss, ehemaliger UFA-Star, überschreibt ihrer Nervenärztin nach und nach das gesamte Vermögen, um ihre Schmerzmittelabhängigkeit zu finanzieren. Sie bezahlt mit ihrem Leben, in Raten. Ein Leben, das aus Erinnerungen gewesener Tage besteht. Der Hoffnung auf die den Glamour von einst zurückbringende Filmrolle. Und dem Verlangen nach der Liebe, welche ihre gescheiterte Ehe vergessen macht. Ihr Refugium ist die Selbstinszenierung. Die Opulenz, imaginär oder ausgelebt, gestaltet ihre Schwermut erträglicher.

Alle Gedanken sind von Nostalgie durchdrungen und streben zugleich einer unbekannten Zukunft entgegen. Die Rollenbesetzung steht an: Stolz, Zuversicht, Angst und Verletzlichkeit müssen im Verlauf der Erzählung Gewinner und Verlierer unter sich ausmachen. Wir befinden uns im München der 1950er Jahre, in einem Kaffeehaus. Veronika Voss lässt vom Ober die Kerzen anzünden. Sie hält sich den Leuchter vor das Gesicht: «Licht und Schatten, das sind die beiden Geheimnisse des Films. Wussten Sie das?» Ja. In der ganzen Tragweite aber erst seit diesem Film. Er ist tatsächlich weissschwarz denn schwarzweiss. Das überbetonte Licht, unterstützt durch verschiedenste Effekte, degradiert den Schatten meist zum Komparsen. Die steril anmutende Arztpraxis, in der viele Szenen spielen, besitzt eine kalte Ästhetik. Sogar die Palmen im Eingangsbereich sind in Weiss gehalten. Alle Schauplätze eint kunstvolle Entrücktheit.

Dieses Überirdische bekommt auch der Diva, die der Trauer um ihre vergangene Berühmtheit zum Trotz manchmal recht gerne mit ihrer Situation kokettiert: «Für mich war es eine Wohltat, dass sich jemand meiner angenommen hat, der nicht wusste, dass ich Veronika Voss bin. Endlich, endlich war ich wieder ein Mensch!» Doch die Frau hinter dem Filmstar zu sehen, ist eine Herausforderung. Ungewöhnliche Kamera-Perspektiven, etwa der Blick von unten durch eine Vitrine, verleihen der Betrachtung einen voyeuristischen Touch. Das Dunkle existiert auch im Hellen. Sich dieser vereinnahmenden Finsternis entziehen? Sie willkommen heissen? Eine Provokation, für beide Seiten. Die Unsicherheit, das Schwanken zwischen Distanz und Nähe münden in ein «Sie dürfen Veronika zu mir sagen.»

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Keine Halbtöne, keine Kompromisse
Ein Treppenhaus. Eben äussert sich Veronika zu der für Frauen «ausgesprochen ungünstigen» Beleuchtung. Dann ihr, wenn auch ersehntes, gegenwärtig völlig unerwartetes Angebot: «Sie haben doch sicher ein Auto?» Ja, warum? «Weil ich gerne die Nacht mit Ihnen verbringen möchte.» Kulissen, Requisiten, Kostüme – alles unterwirft sich der extremen Kontraste. Wie es im Film kein Grau zu geben scheint, macht Veronika keine halben Sachen. Gerade noch dominieren ihre zärtlichen Blicke, übergangslos insistiert sie: «Geh‘ jetzt bitte!» Zwischen Intimität und Unnahbarkeit liegen nur Sekunden. Aber ganze Welten.

Veronikas Welt ist immer mehr ein eigenes Zimmer in der Praxis, das ihr laut Ärztin und «bester Freundin» (grossartig: Annemarie Düringer) als Rückzugsort dient, «wenn die Schmerzen ganz unerträglich werden.» Die Schmerzen sind so undefiniert, wie das Abhängigkeitsverhältnis der zwei Protagonistinnen frei interpretierbar ist. Vielleicht bringt die folgende Spritze neben oder nach der Betäubung auch Klarheit. Die braucht Veronika für ihr Comeback, sie hat ein neues Engagement. Eine Nebenrolle, zwei Drehtage. Immerhin. Aber vor Beginn der Dreharbeiten gibt es Unstimmigkeiten organisatorischer Art. Eine Abholung mit dem Wagen ist nicht angedacht. Sie telefoniert mit der Aufnahmeleitung: «Ach bitte, ersparen Sie mir Ihre Belehrungen! Dass ich nicht die Hauptrolle spiele, das weiss ich schliesslich selbst! Danke, Sie Schnösel!»

Na, na. Die Hauptrolle gebührt Veronika trotzdem. Oder besser dir, Rosel. Deine Leistung macht dich und die Titelheldin unsterblich. Deine einzigartige Präsenz wirkt selbst in den wenigen Szenen nach, in denen du nicht zu sehen bist. Bei jedem Anschauen des Films warten Details auf ihre Entdeckung. Dialoge und Gesten gewinnen weiter an Tiefe. Die Atmosphäre erscheint dichter, ist faszinierend düster und gleichermassen märchenhaft. So drängt sich, jedes Mal stärker, ein Umbenennen des Titels auf in «Die Sehnsucht nach der Veronika Voss».

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Einen Star lässt man nicht warten
Stimmt. Also zurück zu Veronikas aktueller Arbeit. Wir sind am Filmset und sie probt ihren Part. Perspektivenwechsel. Der Zuschauer nimmt auf dem Kamerawagen Platz und fährt auf sie zu. Es klappt nicht wie vorgesehen. Entweder fehlen die vom Drehbuch geforderten Tränen, oder ihr passiert ein Textdreher im Monolog. Mehrere Anläufe sind nötig, bis die Einstellung endlich im Kasten ist. Zur nächsten kommt es nicht mehr. Veronika bricht zusammen, schreit vor Schmerzen. Die Sucht ist machtvoller als das Skript. Hilfe erhält sie von ihrer Ärztin, entsprechende Gegenleistung vorausgesetzt.

Veronika ist nur eines ihrer Opfer, der illegale Morphiumhandel floriert. Sind die monetären Ressourcen erschöpft, sieht die Abmachung das «freiwillige» Ende der Klienten vor: ein KZ-Überlebender vergiftet sich zusammen mit seiner Gattin. Die Freundin eines Reporters (Cornelia Froboess und Hilmar Thate), der die kriminellen Machenschaften aufdecken will, mimt eine verzweifelte, geschiedene und «finanziell sehr gut gestellte» Frau. Der Plan scheint aufzugehen, sie bekommt ein Rezept für das Opiat. Nach ihrem Anruf aus einer Telefonkabine direkt vor der Praxis schöpft die Ärztin jedoch Verdacht. Und die vermeintlich neue Kundin erleidet einen tödlichen «Autounfall». «Es muss sonderbar sein, zu sterben», meint Veronika und relativiert ihre Aussage gleich darauf: «Ach Quatsch. Das Leben ist ja auch sonderbar.»

Die Handlung bewegt sich gekonnt zwischen cineastischer Hommage und eigenem Genre. Die Geschichte, die manchmal Züge des Filmklassikers «Sunset Boulevard» (1950) trägt und locker an die Biografie der Schauspielerin Sybille Schmitz (1909-1955) angelehnt ist, drängt auf die Erfüllung von Veronikas Vertrag. Nachdem sie Dr. Marianne Katz ihr Haus vermacht hat, zitiert sie sich selbst. Es ist ein Satz aus einem alten Film, aus ihrem alten Leben: «Jetzt gehöre ich Ihnen, jetzt kann ich Ihnen nur noch meinen Tod schenken.» Und das ist wörtlich gemeint. Es gibt keine Rettung. Es ist Zeit für Veronikas Abschiedsfest. Ihr Requiem.

Sie steht im Kreise aller Personen, die Teil ihres Lebens waren oder noch sind. Ihrer raumfüllenden Aura erliegt auch der Erfolg von damals und kehrt für ein letztes Gastspiel zurück. Der Applaus ist schon vor der Darbietung Gewissheit. Der vollen Aufmerksamkeit ihres Publikums gewahr, strahlt sie Selbstsicherheit und Eleganz aus. Sie ist der Mittelpunkt, über diesen Abend hinaus. Ihre mondäne Erscheinung im figurbetonten Lamékleid, ihr platinblondes Haar, ihr schönes Gesicht. Der Zauber, der sie umgibt. Sie singt, begleitet vom Klavier. «Memories are made of this». Dann weichen die Erinnerungen für einen Wimpernschlag und ein Morgen scheint greifbar.

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«Kunst braucht Freiheit. Wie soll sie sonst die Menschen freimachen können?»
Veronika spricht mit einer Journalistin über die Filmindustrie, erzählt von ihren Plänen und mit welchem Studio sie in Verhandlung steht: «United Artists.» Sie schaut auf die Notizen: «Nein, nicht mit J, mit U!». Bei aller Traurigkeit über das Leid der früheren Leinwandlegende, gibt es immer wieder Anlässe zur Heiterkeit. Dezente Dosierung und pointierte Präsentation garantieren, dass die Figuren ihre Würde behalten. So auch zu erleben in der Praxis, als Veronika kurzzeitig erwägt, sich von ihrer Ärztin loszusagen. Die hat gerade besagte Eheleute, die sich später selbst töten, nach Hause geschickt und stellt fest, «dass heute ja so ein Tag zu sein scheint, an dem mich alle Patienten verlassen.» Sie bittet die im Gehen begriffene Veronika, sich noch einen Moment zu gedulden: «Sonst gibt es ein Gedränge im Wartezimmer.»

Eine Flucht ist ihr nicht vergönnt. Eingesperrt. Ohne Morphium. Mit vielen Schlaftabletten – und einer Absicht. Es ist Ostern, im Radio läuft eine Übertragung aus dem Vatikan. Glocken läuten im Hintergrund, der entscheidende Akt beginnt. Auch für Veronika. Der prüfende Blick in den Spiegel bringt die Offenbarung: wirkliche Schönheit währt ewig. Noch ist die Schlussklappe nicht zugeschlagen. Ehe der Vorhang fällt, hebt sich der Schleier und das Schicksal gestattet die finale Grossaufnahme. Veronika trägt Lippenstift auf, sie möchte Hollywood erobern. Die Traumfabrik. «Das müssen Sie sich mal vorstellen, dass man Träume machen kann. Ganz einfach machen.» Wieder naht die Erlösung. Und plötzlich ist Veronika nicht nur Schauspielerin, sie übernimmt die Regie in ihrem eigenen, ihrem wahren Film. Erlebtes und Erträumtes verdichten sich und verschmelzen zu einer neuen Realität. Bis jene sich zwischen zwei Polen auflöst und nur noch diese von Bedeutung sind. «Abschied und Ankommen. Das ist das Schönste im Leben.»

Bilder: 1: flickr; 2: flickr; 3: flickr; 4: flickr

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