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Okt07

«5 Fragen & Antworten» für den Herbst

Text Birgit Pfister

Einladung zum Nachdenken: In der Kolumne «5 Fragen & Antworten» stellt sich unsere Autorin selbst fünf Fragen und fragt Dich, wie Deine Antworten lauten würden?


Heilt die Zeit alle Wunden?

Wenn auf nichts mehr Verlass ist, kann man auf eines doch immer vertrauen: dass die Zeit vergeht. Sie rückt Sekunde um Sekunde voran. Wie oft schon hab ich mir selber damit Trost gespendet, weil es oft das Einzige ist, was hilft: darauf zu hoffen, und zu vertrauen, dass, mit der Zeit, der Schmerz, der aus der Wunde klafft, abnimmt – denn der Schmerz tut es meiner bisherigen Erfahrung nach der Zeit gleich und vergeht.

Natürlich, die Zeit ist relativ. Wenn man wünscht, sie würde stehenbleiben, rast sie an einem vorbei. Und wenn man hofft, die Zeit würde für einmal schneller verstreichen, dümpelt der Minutenzeiger vor sich hin, nimmt die Woche kein Ende, geht der Monat nie um. Und doch, egal wie schnell oder langsam es einem erscheinen mag, sie vergeht. Und bringt Distanz zu Vergangenem, lässt Erinnerungen verblassen. Aber vor allem, öffnet sie neue Türen. Und wenn man diese sieht und eine gesunde Mischung aus Mut und Neugierde uns den einen oder anderen Türgriff beherzt ergreifen lässt und man erste Schritte hindurch wagt, dann geht das Leben weiter, denn so wird es mit Neuem eingefärbt. Und all dies führt dazu, dass Wunden heilen – und Narben zurückbleiben. Narben aber tun meistens nicht mehr weh. Narben sind Geschichten unseres Lebens. Sie gehören zu uns, bestimmen aber nicht über uns. Die einen sind hässlicher als die anderen, zwingen uns immer wieder, hinzusehen. Aber auch sie verblassen, wenn man ihnen Stück für Stück weniger Aufmerksamkeit schenkt.


Muss, wer A sagt, auch B sagen?

Letztens, während eines Gesprächs mit einem guten Freund, ging mir ein Licht auf. Es ist doch immer wieder erstaunlich – man kann die gleichen Sätze immer und immer wieder hören, und sie hinterlassen keine Spuren. Und dann gibt es diese Momente, da hört oder liest man einen Satz und er löst eine Welle an Emotionen und Erkenntnissen aus  – weil er zur richtigen Zeit und in der richtigen Situation auf die richtige Stimmung trifft. Ich sass da also letztens, etwas abgekämpft und müde und sagte zu besagtem Freund, dass ich «das jetzt halt durch ziehen müsse». Ich sagte etwas salopp: «Wer A sagt, muss auch B sagen». Und er schaute mich einfach nur an und sagte: «Nein, wer A sagt, muss nicht B sagen. Wer A sagt, kann auch sagen, A war falsch.» Wie einfach die Worte, wie gross die Befreiung. Ich schaute ihn ungläubig an: Die Selbstverständlichkeit seines Blicks, die Klarheit seiner Worte, so simpel und so wenig dramatisch. Ich fühlte mich, als hätte ich den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Und auf einmal eröffnete sich eine neue Perspektive, die ich mir durch blindes Übernehmen falscher Überzeugungen versperrt blieb. Die Grenzen weiteten sich, die Gedanken erfanden sich neu.

Wer A sagt, muss nicht auch B sagen. Wer A sagt, kann zu jedem späteren Zeitpunkt auch sagen, dass A falsch war. Denn mit jeder Entscheidung, die wir treffen, verändern wir uns, unsere Stimmung, unsere Umgebung. Und auch wenn sich A heute stimmig anfühlt, kann sich A morgen anders anfühlen, was aber nicht heisst, dass das stimmige Gefühl vom Vortag falsch war. Es kann sich so anders anfühlen, dass man A nicht mehr als zu sich passend empfindet. Und wie absurd wäre es, das zu ignorieren. Denn dann würde man ignorieren, was für mich einer grundlegenden, einfachen Wahrheit entspricht: dass das Leben sich immer verändert, immer in Bewegung ist. So wie die Zeit nie stehen bleibt, verändert sich das Leben mit ihr.


Wann hast Du diese Dinge zuletzt getan?

Ich betrat letztens die Toilette eines charmanten kleinen Cafés und da hing dieser wunderbare Text von Joseph Beuys.

«Lass dich fallen. Lerne Schnecken zu beobachten. Pflanze unmögliche Gärten. Lade jemand gefährlichen zum Tee ein. Mache kleine Zeichen, die «JA» sagen und verteile sie überall in deinem Haus. Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit. Freue dich auf Träume. Weine bei Kinofilmen. Schaukel so hoch du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht. Pflege verschiedene Stimmungen. Verweigere «verantwortlich» zu sein. Tu es aus Liebe. Mach viele Nickerchen. Gib Geld weiter. Tu es jetzt. Das Geld wird folgen. Glaube an Zauberei. Lache viel. Bade im Mondlicht. Träume wilde, phantasievolle Träume. Zeichne auf die Wände. Lies jeden Tag. Stell dir vor, du wärst verzaubert. Kichere mit Kindern. Höre alten Leuten zu. Öffne dich. Tauche ein. Sei frei. Segne dich selbst. Lass die Angst fallen. Spiele mit allem. Unterhalte das Kind in dir. Du bist unschuldig. Baue eine Burg aus Decken. Werde nass. Umarme Bäume. Schreibe Liebesbriefe.»


Wovon träumst Du?

Wann habt ihr Euch zuletzt gefragt, von was ihr träumt? Träumt Ihr überhaupt noch? Das Träumen von Lebensträumen.

 

 

Lass Deinen Träumen Platz.

 

 

Viel Platz.

 

Können wir immer und überall und jederzeit ehrlich sein?

Ihr kennt das vielleicht auch, diese Erwartung, die man an sich selber stellt, möglichst ehrlich zu sein. Und zwar immer. Aber geht das überhaupt?

Manchmal tappt man doch selber im Dunkeln. Im Stimmenwirrwarr des sozial Erwünschten, zu dem man sich so schnell verleiten lässt, der Wünsche und Bedürfnisse unserer Mitmenschen, die uns umgeben, der Normen und Pflichten, die uns formen. Was will ich eigentlich? Was denke ich? Was fühle ich? Vielleicht geht es euch anders, aber bei mir ist das jeweils ein bunter, verwobener Knäuel, der es mir unglaublich schwer macht, diese einzelnen Stimmen voneinander zu trennen.

Herausfinden zu wollen, was die eigene Stimme sagt, und gleichzeitig den Anspruch an sich zu stellen, gegenüber Mitmenschen stets ehrlich zu sein – ich denke mittlerweile, dass dies kaum möglich ist. Also eines nach dem anderen. Dem Prozess, zu der eigenen Stimme zu finden, Platz lassen. Es muss nicht alles, immer, sofort offen ausgesprochen werden. «Sag es zu dir selbst», hat meine beste Freundin zu mir gesagt. Wie recht sie hat.

Das ist doch ein guter Anfang. Möglichst ehrlich zu sich selber zu sein. Im Stillen.

Bild: flickr

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