Blog

Jan31

«5 Fragen & Antworten» für den Winter

Text Birgit Pfister

Einladung zum Nachdenken: In der Kolumne «5 Fragen & Antworten» stellt sich unsere Autorin selbst fünf Fragen und fragt Dich, wie Deine Antworten lauten würden?

Kann man als Mensch «fertig» sein?
«Du bist nicht fertig», begründete sie ihre Trennung. Ein Satz, der grosse Irritation bei ihm hinterliess.

Kann ein Mensch denn fertig sein? Und wenn ja, was würde das heissen? Wie würde das aussehen? Wie stellen sich Menschen, die fertige Menschen um sich herum haben wollen, fertige Menschen vor? Will ich denn fertig sein?

In der Tat ein seltsamer Satz, der auch bei mir Irritation auslöst. Denn er stellt mit einer Selbstverständlichkeit genau das in Abrede, was für mich den Sinn des Lebens ausmacht: Zu wachsen. Das Leben in all seinen Veränderungen und Bewegungen auf sich wirken zu lassen, um reicher zu werden. Reicher an Erfahrung, die das Ich erweitern.

Fertig sein zu wollen impliziert, einen Zielzustand zu definieren. Ein Bild zu zeichnen im Hier und Jetzt, darüber, wie es in Zukunft sein soll. Eigentlich ist das doch ein Ding der Unmöglichkeit. Weil es schlicht nicht möglich ist, ihn vorweg zu nehmen. Weil wir zwar vieles beeinflussen können, aber längst nicht alles. Weil wir zwar Ziele anstreben, der Weg dahin uns aber formt und verändert…  Wenn wir jetzt aber mal über das Unmögliche hinwegsehen und uns vorstellen, dass so ein Mensch wirklich meint, fertig zu sein, weil er ein Ziel erreicht hat, welches sein Fertigsein bestimmt. Weil er ein Haus und Kinder hat, zum Beispiel. Ja he! Das Leben geht auch dann weiter! Und man ist immer noch Teil dieses Lebens. Dem ausgesetzt, was rund herum passiert. Man kann doch niemals, wirklich niemals einfach fertig sein.

Fertig zu sein heisst still zu stehen. Ich möchte nicht still stehen. Ich möchte nicht fertig sein.

War früher alles besser?
Letztens sass ein älterer Mann bei mir im Kaffee, ich schätzte ihn gegen 75 Jahre. Er trat ein, grüsste freundlich, setzte sich an einen der kleinen Holztische und bestellte einen Kaffee. Ich war noch nicht gänzlich für Gäste bereit, die Zeitungen lagen noch im Briefkasten, die Croissants noch in der Tüte von der Backstube nebenan. Ich huschte also zum Briefkasten, und als ich wieder eintrat, war er am telefonieren, schwungvoll und jung. Ein rührendes Bild. Ich machte mich an die Zubereitung des Kaffees und lächelte in mich hinein. Ich stelle den Kaffee auf seinen Tisch. Als er auflegte, guckte er mich schelmisch an und meinte: «Ab und zu sind die Dinger (und zeigte dabei auf sein Smartphone) ja doch ganz praktisch.» Ich weiss nicht, was es war, aber etwas an ihm berührte auf direktem Wege mein Herz. Wir stiegen in einen Dialog ein, ernst und ehrlich und doch so unbeschwert. Über die Medien, über die Überflutung, über die Ruhelosigkeit der Gesellschaft. Er sah mich an und sagte: «Aber junge Frau, das war früher doch nicht anders.» Er erzählte mir, wie sein Vater vor 50 Jahren empört gewesen sei, dass die NZZ nicht mehr 3x täglich, sondern auf einmal nur noch 2x täglich erschien. Nur noch morgens und abends, die Mittagsausgabe schien überflüssig. Und ich ertappte mich, dass ich der Ahnungslosigkeit wegen einmal mehr der trivialen Überzeugung verfallen war, dass früher eben alles besser war. Es war nicht besser. Ich weiss einfach nicht, wie es war.

Wie weit darf ein Freund gehen?
Eine gute Freundschaft verträgt vieles. Es ist wichtig, zu verzeihen, wichtig, einander nach Konflikten wieder die Hand zu reichen und Vergangenes Vergangenes sein zu lassen. Wir alle greifen mal nach den falschen Worten im falschen Moment, wenn wir emotionsgeladen sind, wenn wir dünnhäutig sind, wenn wir uns in etwas reinsteigern. Wir alle machen Fehler und sind froh, wenn unsere Freunde uns dafür nicht bestrafen, sondern uns vergeben.

Wann aber hört Freundschaft auf?

Vielleicht hört wahre Freundschaft nie auf. Vielleicht hat man jemanden als Freund verkannt, der eigentlich nie einer war.

Es ist wichtig, ehrlich zu sein. Es ist wichtig, einander auch mit unschönen Dingen zu konfrontieren. Es ist wichtig, einander einen Spiegel vorzuhalten.

Aber.

Wenn man am Boden liegt, wenn die Tränen bereits fliessen, wenn das Herz bereits angeschossen ist, wenn man in die Arme genommen werden möchte, gehalten werden möchte, Liebe braucht, Zuneigung, Trost. In solchen Momenten erkennt ein Freund deine Not und nimmt dich in die Arme. Und wer das nicht tut, wer in genau so einem Moment zutritt, ist wahrlich nicht dein Freund. Ist wahrlich nicht mein Freund.

Würdest du eine Reise antreten, im Wissen, dass die Erinnerung daran danach gelöscht würde?
Wer in unserer Gesellschaft nicht reist, wird belächelt. Ich habe das Reisen selber eher spät entdeckt, und ich muss zugeben, ich liebe es, auch wenn ich überzeugt davon bin, dass es nicht das Mass aller Dinge ist. Und sowieso, es gibt Reisen und Reisen. Mir persönlich geht es beim Reisen wohl mehr um die Haltung, die einen dabei begleitet, als um die Anzahl Länder, Sehenswürdigkeiten und andere aufzählbare Dinge.

Nun bin ich über diese Frage gestolpert. Eine philosophische Abhandlung über das Erleben. Würde ich meine nächste Reise, die nun bald bevorsteht, antreten, wenn ich wüsste, dass die Erinnerung daran gelöscht würde? Eine spannende Frage. Wie oft stehe ich staunend vor Bern’s Zytglogge und betrachte die Touristen, die ihre Handys in die Höhe halten, um festzuhalten, was sie gleich erleben werden, und sich so um das Erlebnis selber berauben. Da frag ich mich grad, ob einige Menschen freiwillig die Erinnerung hergeben würden, wenn sie dafür die Fotos behalten dürften. Diese Frage wüsste ich zu beantworten. Und um zur Eingangsfrage zurück zu kehren – die ist ganz schön knifflig. Denn klar würd ich sagen: Ja klar, denn es geht ja um das Erleben im Moment und das wäre ja in dem Moment eben vorhanden, nur die Erinnerung daran ja nicht mehr. Aber gehört das Erlebte denn noch zu uns, prägt es uns noch, kann es uns überhaupt noch prägen, wenn wir über die Erinnerung keinen Zugang mehr dazu haben?

Gibt es abschliessende Antworten auf Fragen?
Als ich letztens ein Interview mit dem deutschen Philosophen Wilhelm Schmid las, dessen Hauptaugenmerk auf dem wunderbaren Ansatz der Lebenskunst liegt, habe ich mich Folgendes gefragt: Die Fragen, die ich hier stelle und beantworte – was hat es mit diesen Antworten wirklich auf sich? Sind sie statisch und in diesem Sinne gleichbleibend, also stabil? Oder sind sie nur ein Abbild meines momentanen Weltbildes, Gedankenguts, Empfindens?

Grundsätzlich würde ich sagen, meine Antworten sind dynamisch. Und wie könnte ich das besser herausfinden, als die Fragen, die ich mir hier stelle, mir in einem Jahr erneut vor Augen zu führen und zu beantworten. Ich bin schon jetzt gespannt auf die Bewegungen, die sich darin abzeichnen werden.

Bild: flickr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.