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Jul09

Alpine Renault A110: Geisteskind eines Aussenseiters

Unlängst meldete sich die französische Sportwagenmarke «Alpine» mit einer Neuauflage des Klassikers A110 zurück. 60 Jahre nach der Gründung und nach 20-jähriger Abstinenz. Die erste Edition des neuen Autos soll noch in diesem Jahr ausgeliefert werden. Grund genug für einen Blick zurück, denn wenn bis anhin von «der Alpine» die Rede war, war vorwiegend die legendäre A110 «Berlinette» gemeint, die von 1962 bis 1977 in der Normandie gefertigt wurde. In René Gschwinds Autogarage im solothurnischen Schwarzbubenland steht so ein automobilistischer Leckerbissen.

Text und Bilder: Urs Breig

Bereits auf den ersten Blick äusserst attraktiv, sticht sofort die schlanke, flache Form der Alpine A110 ins Auge. Allein ihr geducktes, aggressives Aussehen genügt, um sich auf Anhieb reichlich Respekt zu verschaffen. Bei Alpine wurde auf Leichtbau geachtet. So ist René Gschwinds Geschoss bloss 750 kg leicht. Die A110 gehörte damals zu den wenigen Serienwagen, die mit einer vollständigen Kunststoffkarosserie hergestellt wurden. Dies hat eine ungewöhnliche Elastizität des Karosseriekörpers zur Folge, birgt aber auch eine Schwachstelle: Die Elektrik. «Da Kunststoff nicht leitet, hat es viele störungsanfällige Kabel im Auto», erklärt Gschwind. Obendrein trägt zum Mythos Alpine bei, dass die Polyestermatten in der Form in einzelnen Schichten von Hand verklebt wurden. So sollen fünf Arbeiter einen ganzen Arbeitstag lang damit beschäftigt gewesen sein, eine Karosse zu fertigen. Innerhalb von 40 Jahren baute Alpine deshalb nur wenig mehr als 25’000 Fahrzeuge. Zudem verteuerte der einzigartige Herstellungsprozess den Wagen enorm. Eine Alpine Renault A110 1600S war 1971 ab DM 23’000.- zu haben und somit preislich nicht weit von einem Porsche 911 entfernt. Hätte man sich damals bloss ein Exemplar gesichert, denn der Oldtimer-Marktpreis für eine gut erhaltene A110 pendelt heute zwischen CHF 70’000 und CHF 120’000 mit einer leicht steigenden Wertentwicklung. Unlängst bot ein Franzose 100’000 Franken, doch zu eng ist Gschwinds Beziehung zu seiner Alpine. Ein Verkauf kommt für ihn nicht in Frage.

Wenig Komfort, dafür intensives Fahrgefühl
Durch den Hinterradantrieb wird die Alpine zur «Heckschleuder». So fährt man sie in engen Kurven grundsätzlich quer. Doch erfahrene Rennfahrer wie René Gschwind mögen das heckmotorbedingte Übersteuern, das gut zu kontrollieren sei. Dennoch sei die Alpine nicht einfach zu fahren, verrät er während des Gesprächs: «Belohnt wird man durch die unglaubliche Fahrfreude, die dieser Renner vermittelt». Bald schon verstehen wir die Leidenschaft: Als Höhepunkt des Besuchs fahren wir eine kurze Bergstrecke hoch, um Fotos zu machen. Der Himmel ist dabei fast zu blau, denn «die Alpine mag feuchte Luft und bringt bei Regen 5-10 Pferdestärken mehr Leistung», berichtet Gschwind während der Tour. Auf den Fahrkomfort angesprochen, lächelt er nur: «Wenig, bis gar keinen. Wegen der Radkästen sind die Pedale etwas nach rechts versetzt und so sitzt man leicht schräg im Wagen». Auf Komfortwünsche kann die Alpine keine Rücksicht nehmen. Man sitzt hauteng wie in einem Formelwagen und fühlt sich als integriertes Teil des Asphaltfliegers. Umso intensiver und direkter das Fahrgefühl. Unter dem Original-Schalensitz ohne Nackenstütze ist die Strasse förmlich spürbar. Der Vierzylindermotor im Genick macht einen Höllenlärm, der durch Mark und Bein geht. Die gesamte Karosse dröhnt, als wolle sie auseinanderbrechen. Autofahren in Reinkultur. Die Alpine hat den Charakter einer ungezähmten Punk-Diva: Anspruchsvoll sei sie schon immer gewesen, doch mit den Jahren etwas weicher geworden, sodass er seinen Fahrstil dem Wagen anpassen musste, meint Gschwind. Ausserdem müsse man behutsam vorgehen und nicht reissen, stellt er klar und fügt an: «Zwischengas geben hat noch nie geschadet».

Alpine: Rennwagen mit Kult-Status
Mithilfe von preiswerten Renault-Motoren hatte Jean Rédélé seit Jahren eigene Sportwagen gebaut und fiel immer wieder bei internationalen Motorsportereignissen auf. Schliesslich gründete der französische Rennfahrer und Tüftler 1955 seine eigene Firma «Alpine» in Dieppe in der Region Normandie. Das erste in einer grösseren Auflage hergestellte Auto war die Alpine A106. Dank konsequenter Weiterentwicklung entstand ab 1962 die A110, die heute Kult-Status geniesst. Oft in metallic-blauer «bleu de France»-Lackierung anzutreffen, gab es den Wagen auch in gelb, rot und weiss. Ab 1968 legte Renault seine gesamten Motorsport-Aktivitäten in die Hände von Rédélé und Alpine. Im Rallyesport war die A110 zu Beginn der 1970er Jahre schier unschlagbar. Die bekanntesten Erfolge sind die Siege in der Rallye Monte Carlo, der Gewinn der Europameisterschaft im Rallyesport sowie der Gewinn der Rallye-Weltmeisterschaften 1971 und 1973. Für den Strassenverkehr kam ein A110-Modell mit einem 110 PS-starken Motor auf den Markt (Gruppe 3-Konfiguration). Ein Überrollbügel sowie Schalensitze gehörten dabei zur serienmässigen Ausstattung. Daneben waren die Vierrad-Scheibenbremsen revolutionär. Durch die Renault-Übernahme entstand ab 1973 ein Spannungsfeld: Während Alpine-Chef Rédélé auf kompromisslose Sportlichkeit pochte, dachte Renault über rationellere Fertigungsmöglichkeiten nach. Motorenentwickler Amédée Gordini stand irgendwo dazwischen. 1978 nahm Rédélé den Hut und verliess Alpine. Die Anteile seiner Firma verkaufte er an Renault, die die Marke Alpine vorerst weiterführte. 1995 schloss Renault die Alpine-Produktion, die Werkshallen in Dieppe blieben jedoch für die Sportwagen Sport Spider und Clio V6 in Betrieb.
René Gschwind: Rennfahrer mit Benzin im Blut
René Gschwind, Jahrgang 1953, hat Benzin im Blut und fuhr Autorennen bis 1991. Seit 33 Jahren ist er stolzer Besitzer einer gelben Alpine Renault A110 1600S, Baujahr 1972. Rennen fuhr er damit jedoch schon vorher. Zwei Jahre in Folge (1985 und 1986) gewann Gschwind den Slalom Cup des Formel Rennsport Clubs (FRC) auf Alpine. Vor rund vier Jahren baute OMS Müller Tuning aus Schwanden GL einen neuen 160 PS-starken Motor für den Wagen. Als gelernter Automechaniker gründete Gschwind 1979 eine Autogarage in Bättwil SO. Ferner gehörte er 1984 als Rallye-Assistent zum Schweizer-Team mit Marc Surer (Renault 5 Turbo mit 300 PS). Dijon und die Nordschleife des Nürburgrings («ausserhalb der Grand Prix-Strecke») nennt Gschwind als Lieblingsstrecken. Heute steht für ihn der Spass und nicht das Siegen im Vordergrund. So nimmt Gschwind mit seiner Alpine an historischen Autorennen im In- und Ausland teil. Nächster Termin: Eggberg Klassik in Bad Säckingen vom 22. – 24. September 2017.

Bilder: Urs Breig

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