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Dez13

Auf eine Tasse Tee in die späten 1940er Jahre

Text Richard Buser

Es gibt sie noch: Orte, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Im «Tea Room Heinlein» in Spiegel bei Bern tauchen die Gäste in die Stimmung der späten 1940er Jahre ein. Hier nimmt man sich gerne Zeit für eine Tasse Tee oder einen Kaffee, begleitet von einer Patisserie oder einem Stück der vorzüglichen, hauseigenen Schweizer Schokolade.

Das Gebäude ist im schlichten Stil der 1940er Jahre gehalten: Gute Proportionen, das Satteldach und die aus dem groben Verputz hervortretenden Natursteine sind Merkmale dieser auf Behaglichkeit zielenden Architektur. Im Innern ist die Ausstattung von 1948 weitgehend original erhalten: dazu gehören die Sitzbank mitten im Raum ebenso wie die Service-Klingeln bei den Tischchen. Solche Räume sind selten geworden. Tea Rooms verschwinden trotz ihrer in den letzten Jahren erwachten kulturhistorischen Wertschätzung immer mehr. Dabei sind sie wunderbare öffentliche Wohnzimmer. Auf Beschallung wird oft verzichtet und dank ihrer Ausstattung aus Holz und Textilien kommt eine wohlige Atomsphäre auf, zu der auch die angenehm gedämpfte Akustik gehört.

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Diese Art von Gemütlichkeit ist auch im Heinlein nicht selbstverständlich: «Als ich 1998 den Familienbetrieb übernahm, um ihn weiterzuführen, meinten viele, ich solle das Interieur durch etwas Cooles ersetzen», sagt Gastgeberin Marianne Heinlein. Sie hat aber damals schon gespürt, dass die Leute ein originales Lokal einmal schätzen würden. Ihre Geduld hat sich gelohnt: heute bekommt Marianne Heinlein öfters Komplimente für ihren «oldfashioned»-Stil.

Und die Gäste? Die Familie Heinlein erwirtschaftet ihren Hauptumsatz nicht mit dem Tea Room, sondern mit dem Verkauf aus Confiserie und Bäckerei. Ins Tea Room kommen grösstenteils Stammgäste. Sie seien ein bisschen wie eine grosse Familie: zwar sitze jeder und jede an seinem Tischchen für sich, doch man kenne sich. Wer in die Ferien geht, lässt dies die Besitzerin wissen. Und umgekehrt: wenn das Heinlein nach seinen Betriebsferien wieder geöffnet ist, hat Marianne Heinlein Gäste schon den Satz sagen hören: «Unsere Welt ist wieder in Ordnung».

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Hat sich das Verhalten der Gäste in den letzten zwanzig Jahren denn geändert? «Ja», meint Frau Heinlein, «die Leute hätten heute weniger Zeit für Einkehr und Einkauf. Am Morgen biete sie jeweils – dem heutigen Trend entsprechend – Kaffee zum Mitnehmen an. Es sei schon vorgekommen, dass ein Kunde den Kaffee unberührt auf der Theke habe stehen lassen, um auf den Bus zu hasten: «dabei fährt der Bus gegenüber vormittags im 10-Minuten-Takt».

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Das Tea Room liegt im durchgrünten Könizer Ortsteil Spiegel in unmittelbarer Nachbarschaft zu Wohnhäusern aus den 1940er und 1950er Jahren. Der gemütliche Raum des Lokals ist auch schon

Tea Room Heinlein an der Bellevuestrasse 56 in Spiegel bei Bern.

Tea Room Heinlein an der Bellevuestrasse 56 in Spiegel bei Bern.

für Anlässe im privaten Rahmen genutzt worden. Nächstens soll dort ein kleines Konzert einer Country-Sängerin stattfinden. Ein Besuch lohnt sich aus architekturhistorischen wie aus kulinarischen Gründen gleichermassen. Besonders jetzt, wo im Heinlein süsse Hausspezialiäten aufWeihnachten einstimmen.

Bilder: Richard Buser

3 Comments

  1. Marianne Heinlein

    Vielen herzlichen Dank für diesen Artikel. Das Warten hat sich gelohnt. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit Ihrem schönen Magazin.
    Herzliche Grüsse aus dem Spiegel
    Marianne Heinlein

  2. Glaus

    Diesen Eindruck kann ich nur bestätigen. Die süssen und salzigen Verführungen sind ein Genuss

  3. Hanna

    Gibt es denn eine Website oder zumindest die Öffnungszeiten irgendwo publiziert? Danke

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