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Dez04

Auf Velotour bei der Velo Classico Germany

Text Julia Marx

«Wird der Reifen platzen oder entweicht einfach langsam die Luft?» frage ich – insgeheim überzeugt, dass es schon nicht so weit kommen wird – einen der Velofahrer, mit denen ich mich auf der Fahrt angefreundet hatte. Wenige Sekunden später erhalte ich die Antwort: mein Vorderreifen verabschiedet sich mit lautem Knall. Und während wir uns das Malheur beschauen, zweifle ich daran, ob es so eine gute Idee war, sich ein richtig altes Rad auszuleihen für die zweite Auflage der Velo Classico Germany, einer Vintage-Rad-Veranstaltung in der Art (wenn auch noch nicht den Dimensionen) von Italiens legendärer L’Eroica.

Statt durch die Weinberge der Toskana geht es hier durch die Baumalleen von Mecklenburg-Vorpommern. Das Bundesland im Nordosten Deutschland ist eine beliebte Feriendestination, wobei sich der Tourismus hauptsächlich an der Küste abspielt. «Vier von fünf Touristen, die hierher kommen, besuchen die Ostsee», meint Tobias Woitendorf vom Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern (kurz MV genannt), «aber für Genuss-Entdecker hat das Binnenland auch viel zu bieten.» Beispielsweise ideale Bedingungen für Velofahrer in Form schöner, weitgehend flacher und unzersiedelter Landschaften. Kurz überlege ich, ob ich dem Herrn Woitendorf nicht folgenden Werbespruch (frei nach Haribo) anbieten soll: MV macht Segler froh und Velofahrer ebenso. Mir schwant aber, dass die Idee aus dem Obstbrand geboren ist, der am Vorabend des Events im Rahmen eines festlichen Büffets verkostet wird. Ich hoffe, dasselbe gilt für das Gespräch am Nebentisch, wo man mutmasst, dass Fabian Cancellara einen kleinen Motor in seinem Rennrad eingebaut haben müsse – er mache da so eine komische Handbewegung, bevor er abzischte.

Schauplatz des Büffets der Veranstalter ist ein über und über mit Jagdtrophäen geschmückter Saal im Barockschloss zu Ludwigslust. Die ehemalige Residenzstadt südlich von Schwerin ist Start und Ziel der Veranstaltung, zu der sich gut 350 Teilnehmer angemeldet haben. Das Städtchen wird von schmucken Backsteinbauten entlang der breiten Strasse zum Schloss geprägt. Dort steht auch das Hotel De Weimar, das erste Haus am Platz. Das historische Gebäude war einst das herzogliche Gästehaus und ist innen viel weitläufiger, als man auf den ersten Blick meinen würde. An der Hotelbar treffe ich auf Detlef Koepke, den Organisator des Anlasses. Während am Flügel im Speisesaal jemand kurioserweise das Darth Vader-Thema aus Star Wars klimpert, schwärmt der L’Eroica-Fan für die klassischen Zeiten des Radsports und von der Mode von damals. Um Geschwindigkeit, so Koepke, gehe es bei der Velo Classico nicht; das beste seien die Begegnungen. Und der Genuss.

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Die Geniesserrunde ist denn auch die Tour meiner Wahl, d.h. 48 Kilometer durch Wald und Wiesen rund um das Barockstädtchen. Die Liebhaberrunde umfasst 89 Kilometer und die Heldenrunde führt über 149 Kilometer bis nach Schwerin; ungefähr 60 Teilnehmer fühlten sich zum Heldentum berufen. Da ich mit dem Flieger (via Hamburg), aber ohne Rad angereist bin, leihe ich am Vortag ein altes Schwanenhalsrad (Marke ist mir nicht erkennbar, aber es hat zwei Löwenfigürchen auf dem vorderen Kotflügel) beim örtlichen Fachhändler, Herrn Winkelmann. Spontan lädt mich die im Hinterhof sitzende Runde zu ihrem Kaffeekränzchen ein. Während ich mich am Selbstgebackenen gütlich tue, malt mir Familie Winkelmann die Schönheiten der Mecklenburger Seenplatte und insbesondere von Hiddensee aus und erinnert sich mit einer gewissen Selbstironie an einen Musiker, der viel zu spät zu seinem Auftritt kam, weil er im abendlichen Ludwigslust weit und breit niemandem begegnet ist, den er nach dem Weg hätte fragen können.

Etwas belebter ist Parchim, wo andern Tags die Geniesserrunde Halt macht. Hier führt dank zweier gotischer Kirchen (die St. Marien-Kirche und insbesondere die St. Georgen-Kirche mit ihrem geschnitzten Altar) die europäische Route der Backsteingotik durch, Moltkes Geburtshaus steht da und Thomas Manns Vorfahren stammen auch aus dem Örtchen. Schöne Postkarten mit alten Motiven bekommt man im Buchladen «reingelesen». Aus der Zeit, da Postämter noch repräsentative Bauten waren (und nicht eine Ecke im Volg) stammt das Gebäude, in dem heute das Brauhaus Parchim untergebracht ist. Hier wird unter anderem India Pale Ale (IPA) gebraut. Das ist eine Sorte, die ursprünglich für die englischen Übersee-Kolonien hergestellt und für die lange Überfahrt mit extra hohem Alkoholgehalt und extra viel Hopfen haltbar gemacht wurde. Auf Anfrage führt einen Braumeister Benjamin Pustal durch die Brauerei. Wenn man schon in der Gegend Sightseeing macht, sollte man sich den Pingelhof nicht entgehen lassen. Das original erhaltene Bauernhaus von 1607 sieht äusserlich romantisch aus, wenn man es an einem sonnigen Septembertag besucht. Die äusserst lebendigen Führungen geben einem aber ein Gefühl tiefer Dankbarkeit, nicht zu Zeiten zu leben, da man morgens das Waschwasser schmelzen musste und Kindlein schon mal verhungerten.

Sonntagmorgen schlägt im Schlosshof die Stunde der Wahrheit für mein bedenklich in den Pedalen eierndes Velo und mich. Schliesslich bin ich die letzten 20 Jahre kaum 20 Kilometer Rad gefahren… Und so geht mir denn auch schon nach knapp einem Drittel der Fahrt bedenklich die Puste aus. Zum Glück habe ich unterwegs Uwe und Martin getroffen, die mir moralische Unterstützung geben. Uwe fährt das vielleicht älteste Velo im Rennen, ein französisches Gladiator de Route von 1892 mit Kerze in der Lampe. Martin hat ein Schweizer Militärvelo, ein Modell, das sich einiger Popularität erfreut, wie sich noch zeigen sollte. Nach der Stärkung am ersten «Boxenstop» freu ich mich jedoch aufs Weiterfahren, da fällt uns der bedenklich verschlissene Vorderreifen auf. Ich fahre weiter unter Vermeidung der Abschnitte mit fiesem Kopfsteinpflaster, doch dann spielt mein Schwanenhalsrad den strebenden Schwan. Martin tröstet mit Schweizer Armeeschokolade. Herr Koepke, der irgendwie an allen drei Routen gleichzeitig anwesend zu sein scheint, fährt vor, lädt das havarierte Rad ein und ein gutes Klapprad aus. Und so geht es weiter, wobei der Luxus einer Gangschaltung mir doch ganz gelegen kommt, denn eine Dame sollt nicht hecheln. Das zweite Etappenziel bringt hervorragenden Kuchen, die letzten Kilometer scharfen Gegenwind, aber mit dem Ziel vor Augen ist das zu ertragen.

Im Ziel winken Dedi Senft, der Teufel von der Tour den France, eine Medaille für jeden Teilnehmer und Begegnungen mit mehr oder weniger ausgepowerten oder entspannten Mitfahrern. An der Siegerehrung, wo die herausragenden Räder und Outfits gekürt werden, reüssieren unter anderem Carsten Reuß und Michael Greis, zwei Deutsche, die in Uniformen der Schweizer Radfahrtruppe gekommen sind und die entsprechenden Räder fahren (eines von 1935, auf ebay erstanden, eines von 1944 in Dresden gefunden). Erheiternderweise versuchen sie sich bei der Preisübergabe in Schweizer Mundart.

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Unbedingt beachtenswert sind die Verkaufsstände. Hier gibt es Radfahr-Trikots nach historischem Muster oder schicke Tweed-Outfits für den Gentleman, etwa von Oliver Sinz, der gleich seine ganze Familie exquisit ausstaffiert hat. Der Stand von Daphne and Josephine aus Lübeck bietet sogar Originalanzugstoffe aus den 1940ern, darunter ein sehr feines Esterhazy-Glencheck, neu geschneiderte Massanzüge und Kleider und auch Original-Vintage-Kleidung. Nach kurzem Zögern werde ich bei einem 1920er-Jahre Kleid (200 Euro) schwach. Der bezaubernde Betreiber, Herr Kettner gibt sich als Fan der – damals noch auf Print erschienen – Vintage Times zu erkennen.

Und wenn man am Sonntagabend den komplett überbelegten Zug vom beschaulichen Ludwigslust ins turbulente Hamburg besteigt, denkt man sich: Doch, das könnte man wieder machen. Mit etwas mehr Training. Und einem gut gewarteten Velo.

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Reporterin Julia Marx reiste auf Einladung des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern und Velo Classico Germany.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bilder: 1: Bengt Stiller; 2: Anke Ballhorn; 3: Holger Diederichs; 4: Allen Shaw

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