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Sep22

Bühne frei: Die Burlesque-Saison beginnt

Burlesque kann alles sein: sexy, lustig, laut, glamourös, verführerisch… einfach alles. Zum Beispiel als «Cabaret Lune Noire» in Bern.

Text Kevin Rechsteiner

Die Burlesque in ihrer klassischen Form erlebte in den 1920er und 30er-Jahren in den USA eine Blütezeit. Im Zentrum der Shows stand der Striptease, bei dem sich die Künstlerinnen und Künstler allerdings nie ganz entkleideten. Grossen Wert wurde auf die Kostüme und die Show gelegt, die mit Akrobaten, Feuerspuckern, Jongleuren und anderen Performance-Künstlern kombiniert wurden. Im Vordergrund stand eine abendfüllende Show mit Attraktionen und Glamour. Im Laufe der Jahre ist die Kunst der Burlesque etwas ins Abseits geraten, sie erlebt seit einiger Zeit aber ein Revival. Die Tänzerin Emma Milan ist eine der treibenden Kräfte in der Burlesque-Szene der Schweiz. Sie ist Organisatorin und Art Direktorin verschiedener Burlesque Shows in Bern und Zürich. Wenn man das erste Mal eine solche besucht, ist alles sehr ungewohnt. Man ist Gast einer Veranstaltung, in der sich Frauen auf der Bühne ausziehen. Erzählt man jemandem davon, erntet man zunächst fragende Blicke. Aber Burlesque ist anders.

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Betritt man an einem Burlesque-Abend das Bierhübeli in Bern, betritt man auch eine andere Welt. Eine Welt der 1920er Jahre. Man trifft auf farbiges Licht, bunte Blumen und dekorative Federn. Im Eingangsbereich besteht die Möglichkeit, sich mit den Darstellerinnen und Darstellern fotografieren zu lassen. Alles ist ungezwungen. Alles soll Spass machen. Die kleinen Tischchen vor der Bühne stehen mit Champagnerkühlern für die Gäste bereit. Nicht nur der moderierende Gastgeber, der durch die Show begleitet, sondern auch die Zuschauer tragen ihren Teil zur ausgelassenen Stimmung bei. Sie kommen oft in zeitgerechter, eleganter Abendgarderobe. Cocktails an der Bar und Swing-Musik im Hintergrund lassen alles andere vergessen. Gespannt wird auf den Startschuss gewartet. Das Licht im Saal geht aus, der Gastgeber betritt die Bühne. Es folgt die erste Künstlerin in einem aufwändigen und meist selbstgerechten Kostüm. Die Musik erklingt, der Spot geht an und die Show beginnt. Langsam beginnt sich die Künstlerin aus ihrem Kleid zu schälen. Stück für Stück wird das Kostüm in Einzelteilen abgelegt. Das Publikum klatscht, pfeift und jubelt. Niemand sitzt mehr still, man ist Teil der Show. Ehe man sich versieht, trägt die Künstlerin kaum mehr ein Kleidungsstück. Darum geht es aber gar nicht. Das Ausziehen ist zwar Teil der Show, aber nicht der Mittelpunkt. Es geht um Ausdruck, um Sicherheit, und es geht um Freude.

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Banbury Cross

Neben Emma Milan ist die Londonerin Banbury Cross eine der Künstlerinnen, die im Bierhübeli auftreten. «Man reist viel», sagt sie, «früher habe ich gedacht, dass ich dadurch meine Freunde und Beziehungen aufgeben muss. Heute ist es aber so, dass sich meine besten Freunde ebenfalls in diesem Showbusiness bewegen und man sich dadurch oft trifft.» Reich wird man dabei nicht. Das ist aber vielleicht auch genau der Grund, warum man die Freude und Lust der Künstler und Künstlerinnen wie Banbury Cross so gut spürt, wenn man sich mit ihnen unterhält oder ihre Auftritte bewundert. Burlesque ist eine Kunstform, für die man sich bewusst entscheidet. Banbury Cross ist mittlerweile in der ganzen Welt unterwegs und oft abends am Arbeiten: «Es ist hart. Aber ich sage mir, mach weiter, es wird nicht für immer sein.» Viele Burlesque-Künstlerinnen beenden ihre Karriere, sobald sie über 30 Jahre alt sind. Die Arbeitszeiten sind zu unregelmässig, die Reisen zu häufig. Die Vorbereitung vor einer Show dauert eine Stunde, und dann heisst es oftmals langes Warten für wenige Minuten Auftritt. In diesen spürt man dann aber eine geballte Ladung Energie – und man ist überwältigt von den Eindrücken. Die Musik, das Licht, die Stimmung. All das zieht einen in einen Bann. In diesem Sinne: Bühne frei! Demnächst geht es wieder los mit Burlesque in der Schweiz:

«Cabaret Lune Noire», Bierhübeli Bern, ab 6. Oktober 2016
«Ohh! Là Là! Chérie!», Plaza Zürich, ab 1. Oktober 2016
Geneva Burlesque Festival, 2.-4. Februar 2017

Bilder: Marco Felix, Vintage Rebel Studios, aus dem Cabaret Lune Noire

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