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Jan08

Cabaret Bizarre

Text Julia Marx, Foto kostas maros, www.kostasmaros.com

«Rubber, fetish, sex clowns, weimar berlin, the golden age of decadence, venus in furs, boudoir, depraved dreams, militia, black magic, 1920’s, 1930’s, fate…» Der Dresscode, der bei Cabaret Bizarre gilt, ist, nun ja, bizarr. Und so mutet denn auch die Schar an, die vor dem Basler Grand Café Sud auf Einlass wartet. Wobei, es gibt auch eine Konventionalität im Unkonventionellen: Schwarz, Lack, Leder, Mini, Netzstrumpf geht immer. Jedenfalls bei den Herren. Es hat auch einige Joker und Flapper Girls, Federboas und Sklavenhalsbänder, nackte Haut und hohe Absätze, nur keine Turnschuhe. Das originellste Accessoire des Abends ist ein Hut mit integriertem Bildschirm, auf dem ein leuchtendes Auge herumglotzt.

Das Publikum ist hier Teil des Spiels und es mangelt auch nicht an Gelegenheit, dies zu würdigen, denn die Show (Beginn 23.00 Uhr) wird von zwei sehr langen Pausen unterbrochen und Sitzplätze gibt es kaum. Der (männlichen) «Door Bitch» zufolge hat die Dresscode-Politik im Laufe der Zeit verschiedene Phasen durchlaufen, zwischen sehr streng und eher locker, mal stärker auf die Fetisch-Szene ausgerichtet, mal weniger. Phillip, der mit Frack und Zylinder aus Strassburg angereist ist, schätzt die frivole Maskerade: «Das ist Rock’n’Roll, das ist wie die Rocky Horror Picture Show!»

Stichwort Show: Seit genau 10 Jahren bringt Cabaret Bizarre (vormals Noir Bizarre) mit das Aussergewöhnlichste auf Schweizer Bühnen (und ins benachbarte Ausland), was das hiesige Nachtleben zu bieten hat. Es sind die Schauwerte der Londoner New Cabaret-Szene mit ihren grellen Kostümierungen und freizügigen Performances, die sich ebenso am dekadenten Berliner Varieté der 20er orientiert wie an den sonderbaren Gestalten, die einen Fellini-Film bevölkern. Es hat auch etwas von einer Freakshow, nur stehen hier nicht wundersame körperliche Eigenheiten im Scheinwerferlicht, sondern die wundersamen Dinge, die man mit Körpern tun (bzw. ihnen antun) kann: Von der klassischen Akrobatiknummer über Burlesque bis hin zu Selbstverstümmelungsaktionen, die schon beim Zuschauen weh tun. Das ist nicht unbedingt für Leute mit schwachen Nerven. Also Leute wie mich – jedenfalls brachte mir mein erster Besuch dieses Establishments vor ca. fünf Jahren einen kleinen Anfall von Besinnungslosigkeit, eine bleibende Aversion auf (Kunst)Blut, aber vor allem: viel Faszinierendes zu erzählen.

Beim Cabaret-Besuch steht auch noch Halloween vor der Tür und ich male mir die kommenden Sensationen in 50 shades of red aus: Wird sich jemand an Fleischerhacken aufhängen? Wird auf Scherben getanzt? In Kunstblut gebadet? Doch nichts von alledem. Desmond O’Connor, der Ukulele-spielende Conferencier des Jubiläumsprogramms, besingt launig allerlei ulkige Fetische. Damen mit klingenden Namen wie Missy Macabre, Isobel Midnight oder Skinny Redhead jonglieren mit Feuer oder führen Nummern am Luftring vor; der Berliner ReverSo mischt Exhibitionismus mit Gestaltungswillen und stopft sich Dinge in den Hintern. Der originellste Akt ist freilich das Twice Shy Theater; anhand einer von Puppenspielern geführten fast lebensgrossen, gesichtslosen Puppe sinniert es über die Schönheitspflicht der Frauen oder die Vergänglichkeit nach. Alles in allem ein abwechslungsreicher Abend also.

Bilder: Kostas Maros

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