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Sep14

Der Rock’n’Roll spaltet Generationen

Entstehung der Rockmusik – Teil 2: Einfluss des Rock’n’Roll

Der Rock’n’Roll war die pure Opposition gegen die bestehende Moral der 1950er Jahre. Erstmals entwickelte sich eine neue Form der Jugendkultur, die aus der beklemmenden Spiessigkeit auszubrechen versuchte, indem sie sich von alten Rollenbildern und Tabus befreite. Ein globales Phänomen.

Text Urs Breig

Doch was macht den mitreissenden Rock’n’Roll-Sound aus und wer hat ihn erfunden? Der Nährboden des Rock’n’Roll waren der Blues und der Boogie. Die Vorbilder waren schwarze, stark im Blues verwurzelte Musiker aus den US-amerikanischen Südstaaten. Anstelle der Blues-typischen Melancholie war jedoch plötzlich jede Menge überschäumende Energie und Lebensfreude zu hören, die sich auch in dynamischen Live-Auftritten zeigte. Bereits 1950 veröffentlichte der Pianist Antoine «Fats» Domino aus New Orleans die Single «The Fat Man». Sie bildete die Grundlage für den späteren Rock’n’Roll und gilt für den renommierten deutschen Musikjournalisten Siggi Niedergesäss als erste Rock’n’Roll-Platte der Welt. Obwohl eher eine Mischung aus Jazz, Boogie-Woogie und Gospel, war diese Musik ungewöhnlich neu und kam besonders gut bei den Jugendlichen an. Wie Fats Domino sang, Klavier spielte und Themen für seine Lieder fand, wurde typisch für den Rock’n’Roll. Später kamen eine Elektro-Gitarre, «die so laut aufgedreht ist, dass ihr Klang völlig zersplittert und auseinanderfällt» und eine Gesangsgruppe, «die zu dem unerbittlichen Beat herumzuckt und wilde Bewegungen macht», dazu. Der stampfende, fast monoton hämmernde Rhythmus, der «wie eine Bullenpeitsche klingt», ist heute noch Bestandteil des Rock. Gerade diese abschätzige Charakteristik des Time Magazine vom Juni 1956 muss die damalige Jugend aufgestachelt haben. Aussenseiter spielten für Aussenseiter. DieTeenager hatten nun ihre eigene Musik, mit der die Erwachsenen nichts anzufangen wussten. Rock’n’Roll ist eben nicht bloss Musik. «Rock’n’Roll ist an attitude», wie der legendäre amerikanische Rock-Kritiker Lester Bangs einmal feststellte.

Chuck Berry

Chuck Berry

 

«Hail, Hail, Rock’n’Roll»
Charles «Chuck» Berry gilt noch heute als Vorbild für sämtliche Rock’n’Roll-Bands. «Mr. Rock’n’Roll» ist das Mass aller Dinge. Im April 1955 flog er nach Chicago und traf Muddy Waters nach einem Konzert im «Palladium». Zurück in St. Louis, Missouri schrieb Berry einige Stücke und nahm am 21. Mai 1955 mit «Maybelline» seinen ersten Song für das Chess Records Label auf. Im Juli 1955 kam die Single auf den Markt. Chuck sang über Mädchen, jedoch keine braven Balladen, sondern Songs mit zweideutigen Texten. Weitere Klassikerfolgten: «Roll Over Beethoven» (1956), «Rock And Roll Music» (1957) und «Johnny B. Goode» (1958). Der legendäre «Duckwalk» wurde Berrys Markenzeichen. Doch seine Karriere produzierte auch zahlreiche negative Schlagzeilen: Ab 1959 kam er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt und verschwand für einige Jahre von der Bildfläche. Erst 1964 meldete er sich mit neuem Material zurück. In der Zwischenzeit wurde Chuck Berry in Grossbritannien gefeiert. Diverse Neuauflagen seiner Songs katapultierten ihn zurück ins Rampenlicht: George Harrison hatte «Roll Over Beethoven» für die zweite Beatles-LP «Withthe Beatles» (1963) eingesungen und die Stones hatten eine Version des Berry-Songs «Carol» auf ihr Debüt-Album «The Rolling Stones» von 1964 gepackt. Postum landete Buddy Holly 1963 einen Hit mit Berrys Titel «Brown Eyed Handsome Man». Und: Nachdem «Surfin’ U.S.A.» ein Riesenerfolg wurde, klopfte Chuck Berry bei den Beach Boys an. Der Sommerhit klang ohne Zweifel wie sein Stück «Sweet Little Sixteen» von 1958.

Little Richard

Little Richard

 

Weisse Pioniere des Rock’n’Roll
Es war nicht die erste Rock’n’Roll-Platte, doch sie wurde zur Hymne des Jugendprotests der 1950er Jahre: «Rock Around The Clock», 1954 veröffentlicht von Bill Haley & His Comets. Und dies obwohl der mit schwarzer Schleife und «Schmalzlocke» eher brav wirkende Haley alles andere als das Bildeines klassischen Rebellen abgab. «Rock Around The Clock» löste ein musikalisches wie auch kulturelles Erdbeben aus, das Eltern und konservative Politiker gleichermassen in Schrecken versetzte, während Teenager rund um den Erdball in Hysterie und Aufruhr verfielen. Ende Januar 1956 erschien Elvis Presleys erste Single  bei seinem neuen Label RCA «Heartbreak Hotel», die im Mai 1956 auch den Weg in die UK Singles Charts fand und den Sänger zum Star machte. Das Musiklabel RCA hatte den ehemaligen LKW-Fahrer im Dezember 1955 aus dem Vertrag mit Sun Records herausgekauft und für den weltweiten Vertrieb gesorgt. Im März 1956 debütierte Elvis mit dem Album «Elvis Presley». Nach Bill Haley war er erst der zweite US-Rock’n’Roll-Sänger, der es jenseits des grossen Teichs in die Hitparaden schaffte. Doch Elvis war anders: Elvis war ein Entertainer mit Sexappeal. Solch einen Beckenschwung hatte die Welt zuvor noch nicht gesehen. Presley wurde zum ersten globalen Superstar des Rock’n’Roll und zum Türöffner für schwarze Rock’n’Roll-Komponisten: Bereits im Sommer 1955 hatte er «Maybelline» in sein Live-Programm aufgenommen. 1956 spielte er zudem «Tutti Frutti» und «Ready Teddy» von Little Richard neu ein. Elvis hielt RCA bis zu seinem Tod im August 1977 die Treue. Mit über einer Milliarde verkaufter Tonträger zählt der «King» zu den erfolgreichsten Musikern aller Zeiten.

Elvis Presley

Elvis Presley auf seinem ersten Album “Elvis Presley”

 

Erste Massenunruhen
Angewidert von der heuchlerischen Doppelmoral rebellierte die moderne Jugend gegen die überkommenen Werte ihrer Eltern. Nathalie Wood und James Dean aus dem US-Drama «Denn sie wissen nicht, was sie tun» von 1955 waren die neuen Vorbilder. Die emotionale Wucht des Spielfilms verfehlte seine Wirkung nicht und heizte den Generationenkonflikt zusätzlich an. James Dean verkörperte den Prototyp des widersetzlichen Halbstarken. Zeitgleich entwickelte sich in den USA die Subkultur der «Rocker». Sie organisierten sich in kriminellen Gangs und fuhren Motorräder. Ihre Musik war der Rock’n’Roll. Nachdem Bierflaschen auf die Tanzfläche geflogen waren, entwickelte sich am 7. Juli 1956 während eines Auftritts von Fats Domino im Palomar Gardens in Kalifornien eine Massenschlägerei. Aufgrund dieser und weiterer Krawalle bei Rock’n’Roll-Konzerten wurde die «Verbrecher-Musik» in den USA vielerorts verboten.

Einfluss des Rock’n’Roll auf die europäische Jugend
«Wohlstand für alle!»stand auf der Agenda des wirtschaftlichen Aufschwungs der 1950er Jahre. Auch in Westeuropa stieg der Lebensstandard nun dramatisch an. Die wirtschaftliche Lage gewährte Raum für Innovation in Mode und Musik. Nach den Greueltaten des Zweiten Weltkriegs diente der Durchbruch der Konsumgesellschaft auch der Verdrängung und eine grosse Sehnsucht nach Stabilität und Ordnung setzte sich fest. Unterhaltungsmusik in Europa bedeutete noch nicht Rock’n’Roll. In England waren Frank Sinatra und Rosemary Clooney an der Spitze der Charts. «Der einzige Sender der Rock’n’Roll spielte, war Radio Luxemburg», erinnert sich der inzwischen verstorbene Rocksänger Lemmy Kilmister. Die Europäer wurden schliesslich über die weissen Musiker auf den Rock’n’Roll aufmerksam. Neben Haley und Elvis lieferten der Texaner Buddy Holly («That’ll BeThe Day») und Eddie Cochran aus Minnesota – auch «James Dean with a guitar» genannt – gute Gründe, eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Eddie Cochran war ein innovativer Kerl, der seine Songs selbst schrieb und produzierte. Sein Überhit «Summertime Blues» von 1958 gehörte als einzige Fremdkomposition jahrelang ins Live-Repertoire von The Who. Auch John Lennon sass damals in Liverpool oft stundenlang vor dem Radiogerät, um das schwache Signal der «Jack Jackson Show» von Radio Luxemburg zu empfangen und sich «Heartbreak Hotel» von Elvis anzuhören. Als der Film «Rock Around The Clock» mit Bill Haley in der Hauptrolle im September 1956 in England anlief, benutzten die «Teds» die Gelegenheit, ihr Lebensgefühl zum Ausdruck zu bringen, indem sie die Kinos im ganzen Land in Trümmer legten.

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Teddy Boys in England
Die Teddy Boys waren Arbeiterkinder aus England, die sich am gesellschaftlichen Protest der amerikanischen Vorbilder orientierten. «Teds» galten als Hooligans, die Ärger suchten und als «folkdevils» gefürchtet waren. Sie trugen fast knielange Waffenröcke mit Samtkragen (so genannte «Drape Jackets»), Röhrenhosen, einen dünnen Kordelschlips, bunte Socken zu «Creepers» (Schuhe mit dicken Kreppsohlen) oder spitze Schuhe mit Metallkuppe und zur «Schmalztolle» gestylte Haare. Die edlen Klamotten im «Edwardian Style», der Mode zur Zeit von König Eduard VII., gab der Jugendgang ihren Namen («Teddy» als Kosename für Eduard). Der rebellische Rock’n’Roll-Sound wurde auch zum Soundtrack der «Teds». Noch in den 1970er Jahren lieferten sie sich wilde Strassenschlachten mit den Punks. Die heutige Szene zelebriert den Teddy Boy-Style und die Liebe zum Rock’n’Roll ganz ohne Krawall.

Die Rückkehr der Giganten
Die britische Glitter-Welle brachte den Rock’n’Roll-Sound zurück auf die Bühne. Slade, Sweet und T. Rex hiessen die Zugpferde der Glam Rock-Ära der ersten Hälfte der 1970er Jahre. David Bowie und Gary Glitter trugen mit Strass und Pailletten übersähte Jeans, Plateauschuhe und ein androgyn wirkendes Glitzer-Make-up. Der Geschlechtergrenzen überschreitende Bekleidungs-, Schmink- und Frisurenstil («Cross-Dressing») hatte allerdings diverse Vorläufer: Der mit den Geschlechterrollen kokettierende Little Richard widersetzte sich bereits in den 1950er Jahren dem traditionellen Bild des «echten Mannes». Richard Wayne Pennimanalias Little Richard war ein schriller und extravaganter Pianist. Die mehr als nur angedeutete Bisexualität und seine offensiv frivolen Texte («Lucille», «Good Golly, Miss Molly») rüttelten am konservativen Gefüge der älteren Generation. Am 5. August 1972 fand im Wembley Stadion die «London Rock and Roll Show» statt. Die Vorbereitungen für das 12-stündige Mammut-Revival-Festival hatten 12 Monate gedauert. 50’000 verrückte Fans waren gekommen, um die «Könige des Rock’n’Roll» live zu erleben: Bo Diddley, Jerry Lee Lewis, Bill Haley & His Comets, Little Richard und Chuck Berry. Berry landete danach mit «My Ding-A-Ling» den ersten und einzigen Nummer 1-Hit seiner Karriere (in USA und England). Farbenprächtige Hippies tanzten sich mit «Neo-Teds» in Ekstase. Auch Mick Jagger, Keith Richards und George Harrison waren anwesend, um sich die «Erfinder dieser heissen Musik» (BRAVO 40/1972) anzusehen. Der «King» selbst war nicht vor Ort. Elvis sang an diesem Abend in Las Vegas. Er hatte eine Abneigung gegen Open Air-Konzerte. Ausserdem spielte die aufwändige Presley-Show nie ausserhalb der USA. 1968 hatte sich Elvis – und auch Fats Domino mit «Lady Madonna» – mit dem NBCTV-Special eindrücklich zurück gemeldet. Durch Konzertmitschnitte aus dem Madison Square Garden (1972) oder dem via Satellit weltweit live ausgestrahlten Auftritt «Aloha From Hawaii» (1973) verteidigte Elvis seinen Platz auf dem Rock’n’Roll-Thron erfolgreich.

Bilder CC 1: flickr; 2: flickr; 3: flickr; 4: flickr; 5: flickr

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