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Apr25

Die «British Invasion» erobert die Neue Welt und startet das Pop-Zeitalter

Entstehung der Rockmusik – Teil 3: Einfluss des Beat

Zu Beginn der 1960er Jahre schien die grosse Zeit des Rock’n’Roll endgültig vorbei zu sein. Selbst Elvis Presley hatte sich vom Militärdienst zähmen lassen. Das Wirtschaftswunder hatte alle Wogen geglättet und in den Charts herrschte wieder Ruhe und Ordnung. Bis die Briten kamen…

Text Urs Breig

In den feuchten Proberäumen Grossbritanniens wurden der Blues und der Rock’n’Roll weiterhin mit Hingabe gespielt. 1957 traf der Querkopf John Lennon auf sein Gegenstück Paul McCartney. Bald wurden die beiden zum magischen Songwriter-Duo der Beatles aus Liverpool. Mick Jagger und Keith Richards bewegten sich in der Londoner R&B-Szene um Alexis Korner und gründeten im Juni 1962 die «Rolling Stones», benannt nach einem Titel von Muddy Waters. Sowohl die Beatles als auch die Stones hatten die amerikanische Musik völlig verinnerlicht und ahmten die Songs ihrer Idole nach. So bestand die Pioniertat der Beatles darin, dass sie als Erste begannen, eigene Stücke zu schreiben. «Der Lärm, den sie machten, war der Sound der Zukunft», schrieb Andrew Loog Oldham, Ex-Manager der Rolling Stones, über die Anfänge der «Beatlemania». Neu war zudem, dass vier ebenbürtige Musikanten eine Einheit bildeten. Mit grosser Überzeugung und Begeisterung wurde der Rock’n’Roll in frischer und attraktiver (britischer) Verpackung angeboten. In ihren «Mod»-Anzügen wirkten die kreativen und verspielten Beatles beinahe wie Brüder. Während die Stones hart und rebellisch blieben, trieb Brian Epstein, der Manager der Beatles, den jungen Künstlern bald die Flausen aus und prägte ihr Image. Überdies führte er seine Schützlinge mit dem klassisch ausgebildeten Produzenten George Martin und dem Major-Label EMI zusammen, sodass die Beatles bis Ende 1963 bereits drei Nummer 1-Hits in den UK-Charts verbuchen konnten («From Me To You», «She Loves You» und «I Want To Hold Your Hand»). Über ein Jahr lang hatte sich Capitol Records geweigert, die Beatles in Amerika zu vermarkten. Zu kurios und amateurhaft wirkte die Gruppe auf den grössten Musikmarkt der Welt. Doch letztlich witterte der US-Lizenznehmer von EMI das Millionengeschäft und veröffentlichte im Januar 1964 die Single «I Want To Hold Your Hand», die sich in den ersten Tagen eine Viertelmillion Mal verkaufte. Am 9. Februar 1964 traten die Liverpooler Pilzköpfe dann erstmals in der «Ed Sullivan Show» auf und 73 Millionen Amerikaner schauten zu. Kurz darauf belegten die «Fab Four» die ersten fünf Plätze der US-Hitparade – bis heute ein Rekord. Aus Rock wurde Pop. Nach den Beatles triumphierten auch die Animals (deren Hit «We Gotta Get Out of This Place» ab Herbst 1965 zur Hymne der Söldner in Vietnam wurde) und die Rolling Stones in Amerika. Das Blatt hatte sich gewendet: Die unangefochtene Exportnation in Sachen Musik, Mode und Film wurde von der britischen Pop-Kultur überrollt. London wurde zum Mekka der Popmusik und der Jugendkultur. Die Engländer hatten den kalifornischen Surf Rock der Beach Boys sowie den Motown-Soul der Supremes (mit Diana Ross) aus Detroit von der Spitze der US-Charts verdrängt. Ferner trat der Minirock von Mary Quant aus «Swinging London» den globalen Siegeszug an und ein Teenager-Supermodel namens Twiggy prägte das neue globale Bild des perfekten Körpers.

Rolling Stones (links) und Woody Guthrie (rechts)

Die Beatles im Film: «A Hard Day’s Night» (GB 1964)

Die Beatles waren erst ein einziges Mal in Amerika aufgetreten und hatten eine bizarre Massenhysterie ausgelöst. Im Stil einer «Mockumentary» (fiktive Dokumentation) zeigt der Film das Leben der «Fab Four» auf dem Höhepunkt der «Beatlemania». Die Dreharbeiten begannen am 6. März 1964. Genau vier Monate später feierte der Streifen Premiere im London Pavilion und wurde zum Kassenschlager. «A Hard Day’s Night» war der erste von insgesamt fünf Spielfilmen der Beatles und wurde zum einzigartigen Dokument eines kulturellen Phänomens.

 

Twiggy

Die Folkbewegung in den USA

Anfänglich hatte Amerika die britische Beat-Explosion der frühen 1960er Jahre komplett verschlafen und ignoriert, dass in England der Teufel los war. Allerdings begleitete die Folkmusik den gesellschaftlichen Umbruch in den USA. Am 28. August 1963 trat die Folk-Sängerin und überzeugte Pazifistin Joan Baez und ihr Gastsänger Bob Dylan an der Demonstration «March on Washington» auf, um das Ende der Rassendiskriminierung zu fordern. Martin Luther King hielt dort seine berühmte Rede «I have a dream». Im Schlepptau von Baez stieg Dylan schliesslich zum «König des Protestsongs» auf. Ab 1964 kam es zu ersten Luftangriffen der Amerikaner gegen Nordvietnam. Der Krieg sollte dem Vormarsch der Kommunisten in Asien Einhalt gebieten. Zeitweise kämpften 500‘000 stationierte US-Soldaten gegen die Vietcongs. Im März 1965 startete die Boden- und Luftoffensive «Rolling Thunder». Beeindruckt von den Beatles erneuerte sich Bob Dylan ein erstes Mal, als er Chuck Berry mit Woody Guthrie oder den Rock’n’Roll mit der Folkmusik verband. Beim Newport Folk Festival von 1965 verschreckte Dylan seine Fans mit einer elektrischen Rockband im Rücken und «Like A Rolling Stone» wurde sein erster Top-Hit. Dank Dylan spielte die Musik wieder in Amerika. Er trug nun Lederjacke und ging auf «Electric-Tour». Aus dem Protestsänger von einst wurde ein Popstar. Dylan hatte sich endgültig von seinen Wurzeln gelöst. Als kreativer Imitator und Plagiator, der kopierte und collagierte, «legte Dylan verborgene Schätze frei», schrieb der Germanist Heinrich Detering. Der legendäre Rock-Kritiker Lester Bangs stellte ohnehin längst fest, dass es «in der Natur des Rock’n’Roll liegt, dass er sich selbst immer wieder nachahmt». Man vergleiche bloss das Gitarrenriff von «You Really Got Me» (The Kinks) mit dem von «Highway To Hell» (AC/DC). Dylan selbst wurde unzählige Male von sämtlichen Grössen der Rockgeschichte neu interpretiert. Inzwischen erhielt er als erster Musiker überhaupt den Nobelpreis für Literatur. Wer kennt sie nicht, Thems Version von «It’s All Over Now Baby Blue», «All Along The Watchtower» von Jimi Hendrix, «Mr. Tambourine Man» und «You Ain’t Goin‘ Nowhere» von den Byrds oder «One More Cup Of Coffee» von den White Stripes: Alles Dylan-Songs.

Joan Baez und Bob Dylan

San Franciscos «Summer of Love»

Das «Monterey International Pop Festival» vom Juni 1967 läutete den «Sommer der Liebe» ein und gilt als Mutter aller Rockfestivals. Die Hippie-Bewegung ging von der US-Westküste aus. Mit dem Slogan «Make love, not war» protestierten die Blumenkinder gegen den hoffnungslosen Fernsehkrieg in Vietnam und gegen Amerikas «Way of Life». In der Konsum- und Leistungsgesellschaft fühlte sich ein Teil der Jugend verloren. In ländlichen Kommunen befreiten sie sich von bürgerlichen Tabus und versuchten, ein gewaltloses und friedvolles Leben zu führen. Durch den Konsum von «bewusstseinserweiternden Substanzen» (LSD) wurde die Musik der Gruppen Jefferson Airplane oder The Grateful Dead aus der Bay Area «psychedelisch». In den Songtexten ging es um alternative Lebensentwürfe, individuelle Freiheit und spirituelle Erleuchtung. Das Woodstock-Festival vom August 1969 im US-Bundesstaat New York wurde zum Inbegriff der «Love & Peace»-Bewegung. Doch schon bald war Schluss mit «Flower Power», denn der farbenfrohe Hippie-Traum war geplatzt. Die verstörenden «Helter Skelter»-Morde der Manson Family sowie das Hells Angels-Desaster beim Altamont-Konzert in Kalifornien symbolisierten das Ende der Unschuld und Unbeschwertheit. Der Verlust der Musiker-Persönlichkeiten Jimi Hendrix und Janis Joplin im Herbst 1970 machte zudem klar, dass mit Drogen nicht zu spassen war. «Sex, Drugs & Rock’n’Roll» zeigte sein (selbst-)zerstörerisches Gesicht. Ähnliche Motive wie die US-Hippies hatten die Intellektuellen Europas: Der Kapitalismus, Imperialismus sowie der gesamte Staatsapparat wurden lautstark bekämpft. Noch immer hatten alte Nazis die einflussreichsten Positionen der BRD inne. «Der Mülleimer der Kriegsgeneration war bis zum Überlaufen gefüllt», wie es im kürzlich erschienenen Musikfilm «Tanguerine Dream: Sound of another world» heisst. Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg im Juni 1967 in West-Berlin radikalisierte die Studentenrevolte derart, dass schwere Auseinandersetzungen zwischen Studenten und der Polizei sowie erschütternde linksterroristische Anschläge die Folge waren.

Led Zeppelin

Die «Fürsten der Finsternis» schmieden das Metall

Während die Amerikaner noch unter dem lilafarbenen Himmel im Marihuana-Nebel sassen, wurde in den britischen Pubs und Clubs eine musikalische Revolution in Gang gesetzt. Die im Blues und Rock’n’Roll verwurzelte Hard Rock-Band Led Zeppelin ebnete ab 1968 den Weg für junge wilde Musikgruppen wie Free, Humble Pie und Uriah Heep. Zuvor hatten The Who den Generationenkonflikt durch «My Generation» mit Härte und Gewalt entfacht und Cream die Lautstärke aufgedreht. Die Rockmusik wurde energischer, die Verstärker grösser und leistungsfähiger. Der neue Sound war ohrenbetäubend und gewaltig. Zudem gehörte das Zertrümmern von Equipment und Instrumenten schnell zum Rock-Ritual. Der Begriff «Heavy Metal» wurde später von amerikanischen Journalisten erdacht, passte jedoch hervorragend zur schweren und düsteren Musik, die aus Birmingham, England stammte. Wegen des schwarzen Russes, der Fenster und Dächer verschmutzte, wurden die West Midlands «Black Country» genannt. Die Kids stammten allesamt aus Arbeiterfamilien. «Birmingham war eine raue, industrialisierte Gegend. Wo ich herkomme, husten sogar die Spatzen», scherzte Al Atkins, Sänger und Gründer von Judas Priest. Auch die Birminghamer Gruppe Black Sabbath spielte fette Akkorde auf tiefer gestimmten Gitarrensaiten. Ein Horror-Streifen mit Boris Karloff gab der Gruppe, die stets mit dem Satanismus kokettierte, den Namen. Auch in den Kinos liefen nun teuflische Film-Schocker. Aus dem Gruseln wurde ein Schrecken… Ab 1968 fusionierte der Rock auch mit klassischer Musik, um sich mit verkopften Rock-Symphonien entschieden vom Blues zu distanzieren. Die Organisten der Gruppen Yes, The Nice oder Procol Harum hatten eine klassische Ausbildung genossen und wurden zudem von der Kirchenmusik beeinflusst. Die Rockmusik hatte immer auch eine gesellschaftliche Relevanz. «Wut ist Energie», so der Titel der Memoiren von Johnny Rotten, der 1976 mit dem Titel «Anarchy In The UK» und seiner Band The Sex Pistols den «Disco-Sound der dümmlichen Konsum-Jugend» vom Platz fegte und die destruktive Zerstörungswut der Londoner Punkbewegung anheizte. Pop als Zeichen des Wohlstands – Rock als Stimme und Kraftspender der Aussenseiter. Anfang der 1990er Jahre entwickelte sich in Seattle dann das vielleicht letzte musikalisch bedeutende Sub-Genre der Rockmusik: Der Grunge. So gesehen mag der Rock seit über 20 Jahren tot sein, doch heute ist der Rock’n’Roll nicht mehr nur der Soundtrack der Jugend: Getrieben von der Sehnsucht nach authentischer und leidenschaftlicher Rockmusik legen Jung und Alt erneut die verborgenen Schätze frei. So gesehen bleibt der Rock unsterblich.

 

Bilder: 1: Pixabay; 2: flickr; 3: flickr; 4: flickr; 5: flickr; 6: flickr; 7: flickr

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