Blog

Mai 09

Edinburgh – Britische Perle unter Schottischer Flagge

Die Sonne scheint schwach über das weltberühmte Edinburgh Castle, als wir das abendliche Verkehrschaos mit gefühlten hundert Kreiseln und Wegbiegungen überstanden haben und unser Mietauto am Grassmarket parken. Zwei Tage Hauptstadt, unser letzter Halt in Schottland. Wir sind schon eine Woche unterwegs, hauptsächlich abseits der Zivilisation, umgeben nur von friedlichen Schafen, die ihr Leben zwischen langsam zerfallenden Burgen und atemberaubenden Landschaften in vollen Zügen geniessen. Wir fühlen uns etwas erschlagen von den vielen Stunden im Auto und der plötzlichen Menschenmenge.

Bild 1_web

Unsere Bleibe ist das Grassmarket Hotel, nicht das Billigste, aber sehr zentral gelegen und mit vielversprechender Einrichtung. Es ist modern, die Wände unseres Zimmers sind vollgepflastert mit alten Dandy-Comics. Während wir uns ganz in britischer Manier einen Tee zubereiten, betrachten wir diese und geniessen die Aussicht vom bequemen Bett direkt auf den Grassmarket. Früher ein Viehmarkt und Ort für öffentliche Hinrichtungen, ist er heute ein geräumiger Platz, umgeben von Läden und Restaurants, Treffpunkt für Edinburgher und Touristen gleichermassen.

Nachdem das Mietauto zu Edinburghs grösstem Bahnhof – der Waverley Station – zurückgebracht ist, haben wir Zeit, die Schönheit der Stadt zu bestaunen. Die Häuser sind graubraun, im georgianischen Stil gehalten und stehen eng beisammen. Nur wer sich auskennt, findet über enge Gässchen und steile Treppen Abkürzungen, die in Windeseile zum anderen Ende der Innenstadt führen. Man wähnt sich in einer anderen Zeit, hundertfünfzig Jahre zurückversetzt.

Wir lassen uns von den anderen Passanten treiben und halten hier und dort, um ein besonders schönes Haus oder ein Schaufenster voller Whisky, Dudelsäcke oder Schottenröcke zu betrachten. Viele Gasthöfe und Cafés bereiten sich schon auf den abendlichen Ansturm vor. Wir entscheiden uns gegen die schottische Spezialität Haggis: Der Magen eines Schafes, gefüllt mit Herz, Lunge und Nieren, spricht uns einfach nicht an. Stattdessen entdecken wir auf dem Rückweg zum Hotel ein italienisches Restaurant, Made in Italy. Die Pizza ist köstlich, und sobald wir zurück im Hotel sind, fallen wir müde ins Bett.

Bild 7

Nach einem schnellen Frühstück in einem der vielen kleinen Cafés befahren wir die Stadt mit einem Touristenbus, um uns einen Überblick zu verschaffen. Neben Bibliotheken und Museen hat Edinburgh als Schottlands Hauptstadt auch etliche Regierungsgebäude und solche im Besitz der Königsfamilie zu bieten. Das Zusammenspiel zwischen einer gewissen Unabhängigkeit von Grossbritannien einerseits und der  Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich anderseits, macht die Metropole interessant. Die eigene blau-weisse Flagge weht von allen Dächern, eigenständige Traditionen wechseln sich mit der Begeisterung für die britische Monarchie ab. Die Häuser haben alle ein englisches Aussehen, fein gegliedert, mit nach oben kleiner werdenden Fenstern, alle aus demselben graubraunen Stein. Auch alle grossen Ladenketten, die man beispielsweise in London findet, sind hier in der Shoppingmeile Princes Street vertreten. Dennoch sprechen die Leute mit breitem, unverkennbaren schottischen Akzent, bei dem man als ungeübter Tourist manchmal auch zweimal hinhören muss. Ab und zu trifft man auf Strassenmusikanten in Schottenrock mit Dudelsack.

Der nächste Halt ist das Edinburgh Castle, dass inmitten der Stadt auf einem Hügel – dem Castle Rock – thront. Die Aussicht ist bestimmt atemberaubend, doch es ist neblig und die Stadt verschwimmt am Horizont mit dem trüben Himmel. In den vielen Gebäuden, aus denen die Burg besteht, erhält man etliche Informationen zur Königsfamilie, zu Teilen der britisch-schottischen Armee und zum Leben im und um das Edinburgh Castle seit dem Mittelalter. Wir verbringen einige Stunden dort, fliehen vom einsetzenden Regen und dem eisigen Wind von Gebäude zu Gebäude. Es ist bereits später Nachmittag, als wir die steile Treppe mit hunderten Stufen zurück in die Gegend unseres Hotels runtersteigen.

Am West Bow, einem bogenförmigen Gässchen westlich des Grassmarkets, reiht sich Geschäft an Geschäft. Eines davon ist das Museum Context. Von alten Postern, Juten-Taschen mit schottischen Aufdrucken wie beispielsweise der Hommage an René Magritte Ceci n’est pas une bagpipe, antiken Globen und Kompassen, bis hin zu Propellerflugzeugen mit integrierten Uhren und Luftballon-Modellen findet man hier alles. Wir stöbern lange in den hölzernen Regalen und antiken Vitrinen, finden immer wieder faszinierende Stücke.

Den Abend lassen wir im Biddy’s Pub ausklingen. Es läuft Fussball und getrunken werden vor allem schottische Biere, so zum Beispiel das Caledonia Best. Die Atmosphäre ist gelassen, wie man sie nur von den Pubs der Britischen Inseln kennt.

Bild 4_web

Der nächste Morgen ist bereits unser letzter in Edinburgh. Wir haben wenig vor, da wir zeitig den Bus zum Flughafen nehmen müssen, um weiter nach Dublin zu reisen, rechtzeitig für den St. Patrick’s Day und den zweiten Teil unserer Rundreise.

Wir entdecken zufällig das Armstrong & Son Vintage Emporium gleich am Grassmarket, nach eigenen Angaben eines der grössten Vintage-Geschäfte in Grossbritannien, das bereits seit 1840 existiert. Die Kleider sind nach Epoche geordnet, von den Zwanziger-Jahren bis hin zur aktuellen Mode findet man alles. Auch Mode aus fernöstlichen Ländern wird hier verkauft. Die Kleiderstangen stehen eng beisammen und es wimmelt von Schnäppchenjägern. Wenige Häuser weiter zieht ein weiterer Laden unsere Blicke auf sich: Fabhatrix. In den Schaufenstern hängen und liegen alle erdenklichen Hüte: vom ganz alltäglichen schwarzem Männerhut bis zum avantgardistisch aufgetürmten Blüten, für deren Tragen es nicht nur eine Portion Selbstbewusstsein, sondern auch gehörig Nackenmuskeln braucht. Wäre unser Koffer grösser und unser Geldbeutel dicker, fände man hier alles.

Wenig später besuchen wir den Tron Kirk Market, ein kleiner Markt in einem kirchenähnlichen Gebäude an der Royal Mile. Auch hier findet man allerlei, vor allem von kleinen Händlern, die zum Beispiel ihre selbst gemachten Seifen und Cremes anbieten, aber auch Künstler, die ihre neusten Bilder verkaufen. Auch ein kleines Café befindet sich da, das Sonnenlicht scheint schwach durch die kunstvoll farbig gestalteten Fenster; doch die Zeit drängt, unser Bus fährt bald.

Eins ist klar, als wir da sitzen und aus dem Fenster die vorbeiziehenden Häuser der Vorstadt anschauen: es war nicht unsere letzte Reise nach Edinburgh.

Text, Zeichnungen & Fotos: Cinzia Tuena

 

 

 

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Related Posts