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Mrz 04

Island: Von kurzen Bäumen und langen Nächten

Es ist bereits später Nachmittag, als wir aus dem Flughafen Keflavik hinaustreten und Island uns erst einmal mit einem eisigen Windstoss begrüsst. Sowieso, später Nachmittag, das bedeutet hier um diese Jahreszeit bereits Sonnenuntergang. Dieser stimmt mich und meinen Lieblings-Reisekumpanen jedoch gleich wieder versöhnlich mit der Atlantikinsel und macht uns während des Transfers vom Flughafen in die Inselhauptstadt Reykjavik sofort wieder klar, wieso wir hergekommen sind. Goldrot leuchtend setzt er die puderblaue Landschaft, die Gebirgszüge und das raue Meer gekonnt in Szene. Es soll nur ein kleiner Vorgeschmack auf Islands vielfältiges Farbenspiel sein.

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Kitschige Kartenmotive und lustige Reykjaviker
Nicht viel grösser als die Schweiz ist es, das sagenumwobene Land der Elfen, mit ein paar hunderttausend Einwohnern und dafür umso mehr Touristen, wovon wir zwei Möchtegern-Abenteurer nur einen winzigen Bruchteil ausmachen. Kein Wunder, denn die Vulkaninsel bietet so vieles, was die meisten nur von kitschigen Kartenmotiven kennen: Nordlichter, scheinbar endlose Ebenen und Gletscher, pechschwarze Sandstrände und schlummernde, ja teilweise auch noch ganz schön aufgeweckte Vulkane. Die Isländer sind es sich gewohnt, dass täglich Horden von Reisebussen über die holprige Inselhauptstrasse brausen, die dem Rest der Welt zeigen, was für sie längst Alltag ist.

Und so lächeln die sympathischen Reykjaviker, mit welchen wir abends im gemütlichen Kex-Hostel (Skúlgata 28) ins Gespräch kommen, auch nur milde, angesprochen auf den nach unserer Auffassung starken Wind und das launische Wetter. In der Lobby der ehemaligen Biskuit-Fabrik, die nun im Shabby-Chic und Vintage-Stil erstrahlt und gleichzeitig Bar und Restaurant ist, finden sich nämlich nicht nur Touristen und kurzzeitige Besucher ein. Im Gegenteil, die ganze Welt scheint sich hier harmonisch plaudernd, trinkend und lachend zu vereinen und am Ende des Abends sind wir erschöpft aber glücklich und um einige amerikanische, britische, polnische, australische und isländische Bekanntschaften reicher.

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Wärmende Cafés
Als sich der Hunger am nächsten Abend trotz grosszügigem Frühstücksbuffet im Hostel deutlich bemerkbar macht, entscheiden wir uns aus einem Impuls heraus für das kleine Svarta Kaffið in Reykjaviks beliebter Einkaufsstrasse Laugavegur, wohin uns unsere kalten Füsse getragen haben. Ein wahrhaftig herzerwärmender Entscheid, wie sich herausstellen soll. Das Café ist kaum grösser als Grossmutters Wohnzimmer und ebenso gemütlich. Serviert werden Bier, Kaffee, Tee und jeweils zwei hausgemachte Suppen, die in einer grosszügig bemessenen Brotschale serviert werden. Nicht nur für Studenten, die ihr Portemonnaie im kostenaufreibenden Island schonen möchten, ist dieses Abendessen eine tolle Lösung, sondern auch für all diejenigen, die sich nach einer langen Reise etwas zu Hause fühlen möchten.

Kulinarische Vielfalt mit Vintage-Flair
Überhaupt ist uns schnell klar, dass Island nicht nur sprachlich abenteuerlich und humoristisch unschlagbar ist, sondern auch kulinarisch Vielfältiges bietet. Von koreanisch über nepalesisch bis zur französischen Küche, die Paris vor Neid erblassen lässt, wird in der Hauptstadt alles geboten, wobei nicht immer alles einem optimalen Preis-Portionen-Verhältnis entspricht. Und an das getrocknete Haifischfleisch, das mich in jedem Supermarkt verfolgt, traue ich mich nicht heran, dafür werde ich süchtig nach dem über Stunden hinweg in heissen Quellen gebackenen Rúgbrauð.

Wer so wie wir seinen Geschmacksnerven etwas gönnen und gleichzeitig den Geldbeutel nicht überstrapazieren möchte, der sollte mittags unbedingt ins wunderschön eingerichtete Grillmarkaðurinn (Lækjargata 2A) essen gehen. Die Portionen sind nicht riesig, die Gerichte werden jedoch auf den Punkt gebracht, mit Liebe zubereitet und freundlichem Service serviert.

Mein Vintage-Herz schlägt aber erst im französischen Le Bistrot in der Laugavegur und dann im Babalú (Skólavörðustígur 22) ganz besonders hoch. Seine orangefarbene Fassade fällt von weitem auf und die Einrichtung muss wohl von Pippi Langstrumpfs verrückter Oma und Willy Wonka höchstpersönlich entworfen worden sein. Ich könnte hier ewig über meinem heissen, hausgemachten Chai-Latte sitzen bleiben, mich durchs leckere Kuchen-Sortiment probieren und dabei an Wänden und Decken stets neue aussergewöhnliche Werke entdecken.

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Tipps fürs Shopping und Nachtleben
Nicht minder kreative und bunte Schätze gibt es im Geschäft Hrím, das sich auf isländisches Design spezialisiert hat, und im Rotkreuz-Secondhandshop, die sich beide in der Laugavegur-Einkaufsstrasse befinden. Die kleine Shoppingtour lässt sich wunderbar abrunden mit einem heissen Bad in Reykjaviks charmantem Old School-Thermalbad Sundhöll (Barónstígur).

Um den unerbittlichen Temperaturen und der kurzen Tageslichtdauer zu trotzen, gibt es vorher noch einen kurzen Abstecher zu Lemon (Laugavegur 56), die wunderbare Smoothies mit Islands Nationaljoghurtquark Skyr und vielen Vitaminen zubereiten.

Es geht nun langsam aber sicher aufs Wochenende zu und wenn wir bis anhin noch ganz schön viel Ruhe und Privatsphäre in der bunten Innenstadt hatten, so füllt sich diese nun doch erstaunlich schnell mit Mitmenschen jüngerer Generation. Die Party-Metropole Reykjavik ist also doch nicht nur bloss ein Mythos. Wer gerne das Tanzbein schwingen möchte, aber ganz gut auf das Gedränge in Miniröcken und High-Heels verzichten kann, dem sei die Lebowski-Bar (Laugavegur 20b), am besten noch vor ein Uhr, empfohlen und gleichzeitig vom In-Club B5 (Bankastræti 5) abgeraten. Von jung bis alt, gross und klein sammelt sich in der Lebowski-Bar Tanz- und Lebensfreude, während im Club B5 nur schon das Atmen zu einer Herausforderung wird. Zum gemütlichen Einläuten des langen Abends eignet sich die gemütliche Kaldi-Bar (Klapparstíg) besonders für diejenigen gut, die sich ein bisschen weniger als Touristen und etwas mehr als Einheimische fühlen möchten. Auch das Prikið (Bankastræti 12), sowie die Kaffibarinn (Miðborg) wirken nicht nur am Wochenende wie kleine, bunte Magnete auf Besucher aller Art. Nach einem Live-Konzert im Kex-Hostel machen wir uns mit einer bunten Truppe von Backpackern auf den Weg in eine lange Nacht, die uns mit wildem Schneegestöber entlässt.

Glitzernder Sternenhimmel
Nach der immensen Lebhaftigkeit Reykjaviks am Wochenende sind wir beinahe froh, als wir mit unserem Mietauto tags darauf in das überwältigende Winterwunderland in Richtung Þingvellir aufbrechen. Nur wenige Kilometer von den eindrücklichen tektonischen Gebilden der amerikanischen und eurasischen Platten entfernt, quartieren wir uns in einem kleinen Cottage ein. Als ich meinen Blick über die schneeweisse Tal-Ebene schweifen lasse, muss ich über das isländische Sprichwort, das uns von den beiden einheimischen Bekannten mit auf den Weg gegeben wurde, schmunzeln: «Wenn du dich in Island im Wald verirrst, steh auf.» Es ist nicht übertrieben. Als wir nachts mit dem ganz eigenen Discolicht von Mutter Natur, sprich, glitzernden Sternen und türkisgrünen Nordlichtern, belohnt werden, fühlen wir uns dann für kurze Zeit tatsächlich wie zwei richtige Pioniere, die mutig in die endlosen Weiten und die raue Natur Islands aufgebrochen sind.

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Von Erdbeben und Abenteurer-Herzen
Die nächsten Anzeichen von Zivilisation sind Dutzende Kilometer entfernt. Beinahe mutterseelenallein sind wir hier auf weiter Flur. Aber eben nur beinahe. Mein Pionier-Pathos hält nur gerade solange, bis eifrig ein Reisebus nach dem andern in der tiefschwarzen Nacht vorbeibraust. Es scheint als seien wir doch nicht die einzigen hier draussen. Ganz und gar nicht. Ja, Islands Wintertourismus, er boomt. Doch als ich mich in meine warme Decke kuschle und von einem kleinen Erdbeben ins Land der Träume gerüttelt werde, ist mein Abenteurer-Herz wieder beruhigt. Dass das Beben so sanft ist, dass mein Herzprinz nichts davon bemerkt, das sei hier nur am Rande erwähnt. Er hat sowieso einen sehr tiefen Schlaf. Und so schnell wie sie hergekommen, diese Heerscharen von Nordlichtjägern, so rasch sind sie auch wieder in der Nacht verschwunden. Und wir? Wir bleiben noch ein bisschen.

2 Comments

  1. Avatar
    Ich und du, wir alleine

    muito lindoooo querido amiga ! 😀

  2. Avatar
    Ich und du, wir alleine

    *querida

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