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Okt24

Rennfahrerlegende Jo Siffert – Ein Leben am Limit

Als überragender Automobil-Rennfahrer sorgte der Fribourger Jo Siffert auf den schnellsten Rennstrecken der Welt für Furore. Siffert stammte aus einfachsten Verhältnissen. Dennoch schaffte er den Aufstieg zur Rennsportlegende. Das Drama seines Todes trägt zum Mythos bei. Die Hommage an einen Schweizer Nationalhelden.

Text Urs Breig

Jo Siffert zog die Menschen in seinen Bann. Zielstrebig verfolgte der lässige Draufgänger seine Karriere – ohne finanzkräftigen Sponsor und aus kleinsten Anfängen heraus. In der Formel 1 versuchte sich der zähe und ausdauernde Schweizer anfänglich als Privatfahrer, hatte gegen die übermächtigen Werksmodelle aber kaum eine Aussenseiterchance. Doch diesen Nachteil machte Siffert durch Kampfgeist und taktisches Geschick wett. Er finanzierte sein teures Hobby mit der eigenen Werkstatt samt Gebrauchtwagenhandel in Fribourg. Von seinem umgänglichen und verbindlichen Charakter ging eine identitätsstiftende Kraft aus.

Glühende Leidenschaft für den Motorsport
Joseph «Jo» Siffert wurde am 7. Juli 1936 in Fribourg geboren. Bereits als 12-Jähriger beschloss er, Rennfahrer zu werden. Zunächst absolvierte er jedoch eine Lehre zum Karosseriespengler. Erste Schritte im Motorsport unternahm er 1957 mit einem 125 ccm-Gilera-Motorrad, das er mit geliehenem Geld bezahlt hatte. Zudem heuerte Siffert bei Edi Strub als Seitenwagen-Beifahrer an. 1958 erreichte das Gespann den dritten Rang der Weltmeisterschaft. Danach wurde Siffert zweimaliger Schweizermeister mit einer 350er-Maschine, bevor er mit einem gebrauchten Stanguellini-Formel-Junior den Sprung in den Automobilsport wagte. Doch der veraltete Rennwagen erwies sich auch in Sifferts Händen als nicht mehr konkurrenzfähig, sodass er 1961 einen Lotus 20-Formel-Junior direkt ab Werk Norwich erwarb und damit auf Anhieb Europameister wurde. Der grosse Traum vom Start in der Königsklasse des Motorsports erfüllte sich am 17. Juni 1962: Mit einem Lotus 24-Climax mit 1500 Kubikzentimeter Hubraum qualifizierte sich Siffert in Belgien erstmals für einen Grand Prix. Die Scuderia Filipinetti, ein Rennsportunternehmen des gleichnamigen Genfer Industriellen, hatte ihm zuvor den Einstieg in die Formel 1 ermöglicht.1963 sicherte sich Siffert in Frankreich erstmals WM-Punkte. Der Lotus 24 hatte inzwischen einen BRM V8-Motor bekommen. Trotzdem trennte sich der eigenwillige Fribourger zum Saisonende vom prestigeträchtigen privaten Rennstall. Die nachfolgende Rennsaison bestritt Siffert mit einem Brabham auf eigene Rechnung. Tatsächlich wurde der Grosse Preis der USA in Watkins Glen vom Oktober 1964 zum wegweisenden Rennen in Sifferts Laufbahn: Nach 110 Runden erreichte er den dritten Rang hinter den beiden Champions Graham Hill (BRM) und John Surtees (Ferrari). Für einen Privatfahrer war diese Platzierung eine sensationelle – und in der heutigen Zeit völlig undenkbare – Leistung. Nach harten Zeiten mit ständigen Geldsorgen erhielt das Talent aus der Schweiz endlich die internationale Aufmerksamkeit, die es verdiente.

jo-siffert


Die Wende durch Rob Walker
Noch immer war Siffert ein Neuling im F1-Zirkus. Doch dessen ungeachtet hatte der schottische Rennstallbesitzer und Teamchef Rob Walker das Potenzial des Eidgenossen früh erkannt. Für ihn gehörte der Fribourger seit langem zu den weltbesten Fahrern. Walker nahm Siffert ab 1965 bis 1969 unter Vertrag und wurde zum väterlichen Freund. Dank Walker fuhr Siffert endlich Boliden, die der Konkurrenz gewachsen waren: Der Lotus 49B hatte einen neuen, von Cosworth entwickelten und von Ford finanzierten V8-Antrieb. Daneben hatte das Jahr 1968 auch eine technische Neuerung gebracht: Durch hohe Heckflügel wurden nun höhere Kurvengeschwindigkeiten erreicht. Beim GP von England in Brands Hatch startete Siffert aus der zweiten Reihe und besiegte die beiden Ferrari 312 von Chris Amon und Jacky Ickx. Der 20. Juli 1968 wurde so zum historischen Tag für den Schweizer Rennsport: Zum ersten Mal in der Geschichte gewann ein Schweizer Fahrer einen WM-Lauf. Zudem blieb Sifferts Sieg die letzte F1-Trophäe eines privaten Rennstalls. In den Folgejahren stieg Siffert zu einem Weltklassepiloten auf, der einen glänzenden Ruf in der Szene genoss.

Als Porsche-Pilot kaum zu schlagen
Seine grössten Erfolge feierte Siffert freilich als Mitglied der Porsche-Werksmannschaft. Wenige Fahrer konnten in der Formel 1 und bei den Prototypen gleichzeitig so schnell sein. Bereits 1966 startete der vielseitige Schweizer beim legendären 24-Stunden-Rennen von Le Mans (auf Porsche 906 mit Mode-Unternehmer Charles Vögele). In Le Mans begründete Siffert auch eine Rennfahrer-Tradition, die bis heute anhält: Als Sieger der Indexwertung schüttelte er eine Champagnerflasche. 1968 gewann er auf Porsche 907 das 24-Stunden-Rennen von Daytona, das 12-Stunden-Rennen von Sebring und die 1000 km auf dem Nürburgring. Durch seinen Killer-Instinkt wurde Siffert bald zum Star der Porsche-Crew. Mit dem Engländer Brian Redman bildete er ein schier unschlagbares Team. 1969 gewann das Duo fünf Meisterschaftsläufe und bescherte dem Haus Porsche den erstmaligen Gewinn der internationalen Markenweltmeisterschaft. 1971 folgte ein Sieg mit Derek Bell auf dem hellblauen Gulf Porsche 917K (1000 km von Buenos Aires). Insgesamt brachte es Siffert auf 14 WM-Siege für Porsche. Nur in Le Mans gewann er nie. Gleichwohl stand er Pate für Steve McQueen im Rennsportfilm «Le Mans» von 1971.

Jo Siffert 1966 mit einem Porsche 906.

Jo Siffert 1966 mit einem Porsche 906.


Mit Reklame zum Grossverdiener
Die fruchtbare Zusammenarbeit mit Rob Walker und mit Porsche waren die Säulen, die Siffert zum Erfolg verhalfen. Als auf den Rennwagen Reklameaufschriften zugelassen wurden, avancierte er aber zum finanziell unabhängigen Grossverdiener. Dennoch leitete er noch immer seine eigene Garage und wickelte alle Verträge selbst ab. Für die F1-Saison von 1970 besorgte ihm Porsche einen Platz im neu gegründeten und mit viel Tamtam angekündigten britischen Werksteam von March. Der Wechsel erwies sich aber als unglückliche Entscheidung, denn Siffert erlebte ein enttäuschendes Grand Prix-Jahr. Zusätzlich fuhr er Rennen mit dem Formel 2-BWM und spulte ein unglaublich dichtes Rennprogramm ab. Er zählte nun zu den besten Piloten der Welt. Aus dem einfachen Mechaniker aus der Schweizer Provinz wurde ein Weltstar.

Tödlicher Tribut
Nach dem erfolglosen Jahr bei March wechselte Siffert zu BRM und gewann im August 1971 in Zeltweg seinen zweiten Grossen Preis. In der Form seines Lebens konnte niemand mit ihm mithalten. Das Rennen blieb Sifferts letzter Triumph, denn der 24. Oktober 1971 wurde zum schwarzen Tag, an dem seine Karriere abrupt endete. Zu Ehren des Weltmeisters Jackie Stewart wurde in Brands Hatch ein «Victory Race» durchgeführt. In der 15. Runde schleuderte Sifferts weisser BRM P160 ungebremst gegen eine Böschung, überschlug sich mehrmals und blieb kopfüber liegen. Der Wagen brannte sofort lichterloh und verwandelte die Strecke in ein Flammenmeer. Löschversuche blieben erfolglos, die Unfallursache ungeklärt. Das Rennen wurde sofort abgebrochen. Schweigend packten die Teams zusammen, unter ihnen Rob Walker mit Tränen in den Augen. Jo Siffert hinterliess Ehefrau Simone und zwei Kleinkinder. In seiner Heimatstadt erhielt «Seppi» eine beeindruckende Beerdigung, die am Fernsehen live übertragen wurde. Die Faszination für schnelle und laute Maschinen hatte Jo Siffert mit seinem Seelenverwandten, dem ebenfalls aus Fribourg stammenden Künstler Jean Tinguely, geteilt. Dieser baute seinem verstorbenen Freund ein Denkmal. Bereits 1972 hatte Tinguely der Stadt den Vorschlag unterbreitet, doch erst zehn Jahre später erhielt er grünes Licht für die Skulptur «La fontaine de Jo Siffert» auf dem Rasen der Schützenmatte in Fribourg. Ein Manifest für die sinnlose Repetition und die dramatische Verschmelzung von Mensch und Maschine. Postum wurde Siffert zur Ikone. Und auch 45 Jahre nach seinem tragischen Tod bleibt die Popularität des unsterblichen Schweizer Rennfahrers ungebrochen.

Jo Siffert im Walker-Durlacher Lotus 49.

Jo Siffert im Walker-Durlacher Lotus 49.

 

Jo Sifferts Boliden leben weiter

Bruno Weibel mit Jo Sifferts xxx am Grand Prix Mutschellen vom 1. Mai 2016

Bruno Weibel mit dem Lotus Typ 20 am Grand Prix Mutschellen 2016, mit dem Jo Siffert 1961 Formel Junior-Europameister wurde.

Vor einigen Jahren holte der Architekt Peter Studer Sifferts Rennwagen zurück in die Schweiz. So zum Beispiel den Lotus 24 F1 Jahrgang 1962, den Siffert eine ganze Saison lang fuhr. Studer fährt den Wagen heute erfolgreich in der «Historic Grand Prix Cars Association». Ferner bot sich Studer die Gelegenheit, exakt den Lotus Typ 20 zu erwerben, auf welchem Jo Siffert 1961 Europameister in der Kategorie Formel Junior wurde. Rennfahrer und Lotus-Fan Bruno Weibel sollte ihn fahren. «Das war Studers Bedingung», verrät uns Bruno Weibel bei einem Gespräch anlässlich des diesjährigen Grand Prix Mutschellen. Eigentlich hatte der 38-Jährige seinen Rennhelm an den Nagel gehängt. 2007 war der Höhepunkt seiner Motorsport-Karriere erreicht: Als Gesamtsieger der «Lotus Elise Swiss Trophy» gewann Weibel den Vize-Schweizermeistertitel in der Tourenwagen-Klasse. Mit der Rückkehr in den Motorsport im Cockpit des Lotus 20 feierte er 2015 ein fulminantes Comeback. Und wie Siffert im Jahr 1961, wurde auch Weibel auf Anhieb Europameister der FIA Formula Junior. Die Formel Junior wurde 1957 in Italien als Rennserie für Nachwuchspiloten gegründet. Heute ist sie eine offizielle FIA Motorsport-Serie für historische Fahrzeuge. Gefahren wird auf GP-Strecken (Monza, Nürburgring, Zandvoort, Dijon). Weibel fährt den Lotus 20 im Originalzustand und zwar unter den gleichen Bedingungen wie 1961: Dazu gehören das rot lackierte Chassis (Siffert fuhr damals in den Landesfarben), ein Viergang-Renaultgetriebe Ford Cosworth 1100 ccm, Trommelbremsen und Original-Reifen (mit Dunlop-Profil). «Das muss so bleiben», berichtet Weibel, «die Kontrollen sind strikt». Moderne Sicherheitsvorschriften müssen aber eingehalten: «Der Überrollbügel wurde beispielsweise verstärkt. Hinzu kommen ein geprüfter Feuerlöscher und geprüfte Gurten: Gurten wurden ja erst gegen Ende der 1960er Jahre vorgeschrieben». Wir treffen Bruno Weibel am GP Mutschellen und dürfen Motorsportgeschichte live miterleben. Vier Showläufe hat er bestritten. Regenrennen liegen dem Urdorfer: «Mein erstes Slalomrennen fand 2001 in Interlaken statt. Da habe ich gemerkt, dass ich bei Regen leichte Vorteile habe». Seit 2009 leitet er seine eigene Autogarage mit Lotus-Vertretung, die er damals von Bruno Schaffner übernehmen konnte. Eine weitere Parallele zu Siffert. Mit dem zweiten Platz am «Hockenheim Historic» gelang dem amtierenden Europameister ein Saisonauftakt 2016 nach Mass. «Das Schönste an der Formel Junior ist die Kameradschaft», schwärmt Weibel. «Keiner der Fahrer betreibt den Sport professionell. Wir sind Rennfahrer aus purer Leidenschaft und helfen einander aus, falls es technische Probleme gibt». Im letzten Jahr war das Getriebe die Schwachstelle des Lotus 20. «Die alten Wagen sind sehr wartungsintensiv», erklärt Weibel und fügt hinzu: «Vor allem, wenn man gewinnen will. Denn ist das Rennen einmal gestartet, wird um jede Platzierung hart gekämpft.»

 

Bilder: 1: Wikimedia (Lothar Spurzem); 2: F1-history & flickr; 3: Wikimedia; 4: flickr; 5: Urs Breig

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