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Aug29

Steampunk: Martin Riesens mechanische Katze

Habt Ihr das Interview mit Steampunk-Autor Martin Riesen in unserem Magazin 05/2016 gelesen und Euch gefragt, was wohl so eine Steampunk-Geschichte erzählen könnte? Kein Raten mehr – hier kommt eine! Viel Spass mit Martin Riesens “Die mechanische Katze”:

Zufrieden strich sich Henri Frisard durch seinen graumelierten Bart und musterte die vor ihm auf der gut ausgeleuchteten Werkbank stehende Maschine. Die mechanische Katze war nur unwesentlich größer als ein lebendes Exemplar und beinahe ebenso elegant. Das noch unverkleidete Gerüst aus Messingstreben war handverlötet; die winzige Logikeinheit ein Meisterwerk der Uhrmacherei. Anstelle einer Dampfturbine trieb eine massive Uhrfeder die Konstruktion an, was für den Betrieb im Haus leiser und somit sinnvoller war. Die Erstellung des Programms war knifflig gewesen, doch wenn man sich etwas damit beschäftigte, war es gar nicht so schwer, wie manche immer behaupteten. Dies war ein Automaton der alten Schule! Ein Kunstwerk voller Eleganz, im Gegensatz zu dem Pfusch, den die Preußen in letzter Zeit anfertigten.

Nachdem Bilder von Professor Geichs Hundomaton – einem kantigen, seelenlosen Spielzeug – in den Zeitungen abgedruckt worden waren, hatte es Henri keine Ruhe mehr gelassen. Es war eine Schande! Vor ziemlich genau hundert Jahren war der Automatonbau durch Pierre Jaquet-Droz revolutioniert worden. Henri konnte nicht zulassen, dass dieses Erbe nun durch die Preußen beschmutzt wurde. Die besten Uhrmacher und Automatonbauer kamen aus der Schweiz, daran durfte sich nichts ändern!

Stolz stellte er sein Werk auf den Boden. Es wurde Zeit für den ersten Testlauf. Unter leisem Ticken begann sich die Katze zu bewegen und drehte den Kopf. Winzige Schallempfänger in den Ohren lauschten nach Geräuschen, egal wie leise sie auch sein mochten. Nach einigen Sekunden legte sich die Katze hin und verstummte.

Henri brummte zufrieden und griff nach einem neben der Arbeitsfläche stehenden, zugedeckten Käfig. Die Maus piepste leise, nachdem er das Tuch entfernt hatte. Aus schwarz glänzenden Knopfaugen starrte sie ihn neugierig an, ohne ängstlich zu wirken.

„Freu dich, du wirst der Wissenschaft einen großen Dienst erweisen“, flüsterte Henri ihr zu, bevor er den Käfig öffnete und das kleine Tier in seine Werkstatt entließ. Vorsichtig schnuppernd tappte es über den abgenutzten Holzboden. Henri hielt vor Aufregung den Atem an.

Zwei endlose Augenblicke später drehte die mechanische Katze den Kopf und starrte die Maus aus leblosen Augen an. Mit einem kräftig federnden Satz stieß sie sich ab und sprang auf das Nagetier zu. Im letzten Moment spurtete die Maus los, wich dem Angriff aus und rannte auf der Suche nach einem Versteck unter die Werkbank. Die Katze folgte der Bewegung ihres Ziels, ihre krallenbewehrten Pfoten kratzen über den Boden und hobelten lange Späne davon ab, während sie in einem engen Bogen wendete.

Gebannt beobachtete Henri, wie die Maus der Wand folgte. Mit voller Geschwindigkeit folgte ihr die Katze und rammte dabei eines der Tischbeine. Die Wucht des Aufpralls schleuderte den Automaton herum. Knirschend gab das Holz nach und der Tisch bekam Schlagseite. Leise fluchend preschte Henri vor, versuchte die Platte zu stützen, war aber nicht schnell genug. Unter lautem Rumpeln kippte die Werkbank um und überschüttete den Boden mit Schrauben, kleinen Messingteilen und Werkzeug.

Henri warf einen Blick auf die mechanische Katze, die sich bereits wieder erhob und den Raum nach der fliehenden Maus absuchte. Er griff nach der Maschine, wollte sie abschalten, doch sie sprang davon und jagte weiter.

Mit atemberaubendem Tempo spurtete die Katze ihrer Beute hinterher. Henri suchte ihr Ziel und erbleichte, als er es sah. Die Maus saß auf dem ersten Regalbrett seines Teilelagers, einem einfach gezimmerten Holzregal.

„Oh nein“, stieß er entgeistert hervor.

Ohne zu bremsen sprang die Katze hoch und krachte in das Gestell. Wie ein Kanonenschuss dröhnte der Schlag durch das Haus, ließ den Boden vibrieren und die Fensterscheiben klirren. Ganz langsam kippte das Regal um. Henri schlug seine Hände vor die Augen, während sich Messingstreben, Stahlfedern, unzählige Zahnräder und halbfertige Uhrwerkteile klirrend und scheppernd in der Werkstatt verteilten.

Fassungslos starrte er auf das Chaos, das seine Kreation angerichtet hatte. In der plötzlichen Stille hörte er ein leises Trippeln und sah einen winzigen Schatten unter den Schrank huschen.

Er schob die Überreste des Regals zur Seite und zog die mechanische Katze aus den Trümmern. Ihr Messinggerüst war verbogen, der linke Vorderlauf gebrochen und die empfindlichen Ohren zerknautscht. Sie ratterte leise, während sich die geplagten Gelenke zu bewegen versuchten. Es klang beinahe wie ein heiseres Schnurren.

Aufgewühlt musterte er das Häufchen Elend in seinen Armen. Es half nichts, er würde nochmals von vorne beginnen müssen. Die Mechanik war perfekt, doch das Programm erwies sich als weitaus schwieriger als gedacht. Die Katze musste unbedingt Hindernissen ausweichen können, während sie jagte. Er fragte sich, wie er das nur hinkriegen sollte.

Zurück ans Zeichenbrett, dachte er resignierend, drehte sich um und starrte auf die Unordnung. Sobald ich es wiedergefunden habe …

 

Diese Geschichte ist Freeware und darf kostenlos weitergegeben werden! Kürzungen oder Änderungen ohne ausdrückliche schriftliche Erlaubnis des Autors sind nicht gestattet. © Martin Riesen. Alle Rechte vorbehalten.

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