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Feb19

Vivian Maier: Blick für das wahre Leben

An diesem Namen kam man im vergangenen Jahr nicht vorbei – und das hat seine guten Gründe. Die amerikanische Fotografin Vivian Dorothea Maier starb 2009 und hinterliess über 100’000 Negative, akribisch gesammelt, viele davon kaum entwickelt und von ihr selber kaum gesehen. Wie so oft, ist auch ihre Geschichte diejenige einer grossen Künstlerin, deren Grösse und Brillanz erst nach ihrem Tod Aufmerksamkeit erlangte. Sie zählt mittlerweile zu einer der wichtigsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts und hat dem Begriff der Strassenfotografie ein neues Gesicht gegeben.

findingvivianmaier_03_kleinZu Recht fragt sich die Welt, wer die Frau gewesen sein muss, die mit solch klarem und ehrlichem Blick das wahre Leben in Bildern einzufangen vermochte. So unspektakulär ihr Lebenslauf auf dem Papier zu scheinen vermag, so verblüffend eröffnet sich beim genaueren Hinschauen ein Leben voller Neugierde, Eigenheit und Hingabe. Der Film «Finding Vivian Maier» (2014) ist ein Versuch, das komplexe und widersprüchliche Wesen einzufangen. Ein Wesen, das viele Fragen aufwirft.

Maier wurde 1926 in New York geboren und durchlebte, vom Vater verlassen, mit ihrer Mutter eine wohl schwierige, arme und stark prägende Kindheit. Hin- und hergerissen zwischen Frankreich und New York, liess sie sich mit 30 Jahren in einem Viertel in Chicago nieder, dem sie bis zu ihrem Ableben treu blieb. Ihr Lebensunterhalt verdiente sie sich als Kindermädchen. Über 40 Jahre lang, immer mit ihrer Kamera ausgestattet, lief sie mit Kindern reicher Familien durch die Strassen und fing das Leben ein. Sie hatte den Ruf einer Mary Poppins, war eigenwillig, wenig fassbar und hatte forsche Züge.

Ihr Blick auf die Welt, welcher sich durch ihre Fotografien der Allgemeinheit eröffnet, führt den Betrachter in den Alltag, in das wahrhaftige Leben auf den Strassen New Yorks und Chicagos. Nebst den vielen eingefangenen Strassen- und Alltagsmomenten, hat Vivian Maier zudem unzähfindingvivianmaier_02_kleinlige Selbstportraits erstellt. Mit scheinbar immer dem gleichen tristen, leicht starren Gesichtsausdruck, meist ein Spiel aus Licht und Schatten, aus Verdecktem und Offengelegtem –und ohne jeglichen Hauch eines Lächelns. Ihre Fotografien zeigen nicht nur das abgelichtete Motiv, sondern auch ihre ganz persönliche Handschrift, anhand derer rückblickend das Bild einer Frau gezeichnet werden kann. Es ist ein Versuch, die Persönlichkeit der Fotografiekünstlerin einzufangen und ihre Entwicklung im Laufe der Jahre anhand der Veränderung der Motivwahl nachzuvollziehen.  Vivian war den Berichten zufolge ein sehr weltinteressierter Mensch, sozialkritisch und belesen. Sie sammelte beinahe krankhaft Zeitungen und machte vor allem deren negative Schlagzeilen gegen Ende ihres Lebens zum Hauptfokus ihrer Fotografie. Diese wurde immer dunkler und eingeengter, so wie auch ihr Lebensraum.

Noch vieles ist ungesagt über das Leben von Vivian Maier. Und vieles wird ungesagt bleiben. Sie starb unverheiratet, kinderlos und verarmt – ihrer bewusst geheim gehaltenen Passion zur Fotografie schien sie alles andere kompromisslos untergeordnet zu haben. Anders als bei ähnlichen Schicksalen grosser Künstler, die erst nach ihrem Tod gefeiert wurden, hat Vivian Maier sehr bewusst und gewollt zurückgezogen gelebt. Auch wenn man ahnt, dass man ihre Leidenschaft gegen ihren Willen der Welt offen legt und zu Kunst erklärt, so ist ihr Werk doch viel zu faszinierend, als dass man es unbeachtet zur Seite legen könnte. Selbst im Wissen, die Stille um ihre behütete Leidenschaft zu brechen.

 

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Tipps

Link zur Webseite und den Fotografien von Vivian Maier

Link zum Film

Link zur kommenden Ausstellung vom 3. März bis 3. April 2016 in Zürich

 

 

 

 

Fotos: Praesens-Film AG

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